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Hearing: Männlichkeiten in der Transformation kapitalistischer Wachstumsgesellschaften

Ort:
Zeit: 18.01.2018 10:00 - 19.01.2018 18:00

Anmeldung
Wir bitten um Anmeldung bis 7. Januar 2018  bei Evi Bunke, E-Mail: evi.bunke@uni-jena.de

Inhalt
Moderne kapitalistische Gesellschaften sind dynamische Wachstumsgesellschaften. Ihre relative Stabilität über wiederholte Krisenperioden hinweg basiert auf stetigen Zugewinnen an ökonomischer und technischer Effizienz. Sie sind zudem mit spezifischen Subjektivierungsweisen verknüpft. Mit dem kapitalistischen Wirtschaftsmodell tritt nach Weber der Berufsmensch in die Welt und mit ihm die Kategorie des unendlichen Wachstums. Dass der Berufsmensch historisch jedoch ein männliches Subjekt ist, ist eine Grunderkenntnis der Geschlechterforschung, die im Mainstream bislang nur am Rande aufscheint. In den Kollegdebatten der ersten Förderphase (2012-2016) rückte dieser Zusammenhang zwischen Steigerungs- und Dynamisierungsimperativen einerseits und hegemonialer Männlichkeit andererseits immer wieder ins Blickfeld und wird nun ins Zentrum des Hearings gestellt. Angeknüpft wird an das Konzept der hegemonialen Männlichkeit (Connell), welches sowohl international als auch interdisziplinär eine Leitkategorie der Männlichkeitsforschung ist. Connell nimmt an, dass die hegemoniale Männlichkeit im Zuge der okzidentalen Moderne entstanden und damit gleichursprünglich mit der Entwicklung des modernen Kapitalismus ist. Mit ihm verändert sie jedoch ihre historisch konkrete Form. Im Zuge des neoliberalen Finanzkapitalismus habe sich eine neue transnational business masculinity formiert. Die in dieser Männlichkeitskonstruktion gesteigerte Wachstumslogik verweist zugleich auf ihre Grenzen: Eine auf Ressourcenausbeutung orientierte Ökonomie führt zu einer zunehmenden ökologischen Krise, die wiederum auf die Ökonomie zurückschlägt. Doch diese als ökonomisch-ökologische Doppelkrise bezeichnete gesellschaftliche Konstellation umfasst auch eine sich zuspitzende Krise der sozialen Reproduktion. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage nach gesellschaftlichen Entwicklungsalternativen, die in Jena unter dem Label "Postwachstum" diskutiert werden.

Das Hearing zu Männlichkeiten und Wachstum hat das Ziel, externe Expert*innen der Männlichkeits- und Geschlechterforschung in den Dialog mit der Kollegforscher*innengruppe zu bringen und die Arbeit am Thema weiter voranzubringen, die zugleich auch Konturen von gesellschaftlichen Alternativen umfasst. Dabei werden folgende Fragen im Mittelpunkt stehen:

1.      Wie hängen (hegemoniale) Männlichkeit und (ökonomisches) Wachstum zusammen?

2.      Wie kann die Beziehung von Männlichkeit und Postwachstum positiv gedacht werden? Welche Konturen von Männlichkeit müsste eine Postwachstumsgesellschaft aufweisen?

3.      Welche Transformationsfelder und -pfade in eine geschlechtergerechte Postwachstumsgesellschaft sind denkbar?

Programm

Donnerstag, 18.01.2018

10:00-10:15 Begrüßung durch das Kolleg

10:30-11:30 Einführender Vortrag: Männlichkeit(en) jenseits von kapitalistischen Wachstumszwängen?
Sylka Scholz und Andreas Heilmann

11:30-14:00 Panel I: Zur historischen Konstitution des Zusammenhangs von Kapitalismus, Wachstum und hegemonialer Männlichkeit
Die gesellschaftliche Konstitution hegemonialer Männlichkeit ist historisch eng mit den Modernisierungsprozessen westlicher industriekapitalistischer Gesellschaften verschränkt. Diese sind geprägt durch die Herausbildung arbeitsteiliger Volkswirtschaften, die globale Expansion im Zuge kolonialer Unterwerfungen und die Durchsetzung des ökonomischen Wachstumsprimats. Im Panel diskutieren wir, wie die Hegemonie des Wachstumsimperativs zugleich zu einem wesentlichen Bestandteil männlicher Herrschaft und Subjektivierung geworden ist. Wie prägt dieser Zusammenhang verschiedene Konfigurationen von Männlichkeit (Unternehmer, Arbeiter etc.)?
Expert*innen:
Brigitte Aulenbacher, Klaus Dörre, Olaf Stieglitz, Nina Verheyen
Moderation: Diana Lengersdorf, Fragesteller*innen aus dem Kolleg: Tilman Reitz und Anna Saave-Harnack

14:00-15:00 Uhr Mittagspause

15:00-17:30 Uhr Panel II: Wandel der Erwerbsarbeit und die Grenzen wachstumsorientierter Männlichkeiten
Ziel dieses Panels ist es, Diagnosen zum aktuellen Wandel der sich entgrenzenden Erwerbsarbeit und damit verbundenen Männlichkeitskonstruktionen zu erhalten und zu diskutieren. Führt diese Konstellation in eine "Krise der männlichen Reproduktion" oder zeichnen sich neue Männlichkeitskonstruktionen ab? Inwiefern könnten sie sich von Wachstumszwängen emanzipieren? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeichnen sich im internationalen Vergleich ab?
Expert*innen:
Ana Luleva, Andrea Maihofer, Michael Meuser, Jürgen Martschukat
Moderation: Stephan Höyng
Fragesteller*innen aus dem Kolleg: Janos Schwab und Karina Becker

19:00 Uhr Gemeinsames Abendessen

Freitag, 19.01.2018

10:00-12:30 Panel III: Krise sozialer Reproduktion und fürsorgliche Männlichkeiten
Die Krise der sozialen Reproduktion wird bisher meist nur im Zusammenhang mit dem weiblichen Geschlecht (prekäre Erwerbsarbeit im Care-Sektor und Vereinbarkeitsprobleme von Beruf und Familie) diskutiert. Ziel ist es, auszuloten, wo und wie Männern in bezahlte und unbezahlte Reproduktionsarbeit involviert sind und ob sich in diesen Feldern neue Praxen und Selbstverständnisse einer fürsorglichen Männlichkeit entwickeln. Diskutiert wird, inwieweit diese Männlichkeiten ein Transformationspotential in Richtung Postwachstumsgesellschaften enthalten.
Expert*innen: Karla Elliott, Hartmut Rosa, Toni Tholen, Michael Tunç
Moderation: Tine Haubner
Fragesteller*innen
aus dem Kolleg: Jörg Oberthür und Stefanie Graefe

12:30-13:30 Uhr Mittagspause

13:30-16:00 Uhr Panel IV: Männlichkeitspolitiken in der polarisierten Gesellschaft
Der gesellschaftliche Wandel führt zu sehr unterschiedlichen Aktivitäten von Männern, sich politisch zu engagieren. Dies reicht von antifeministischen, teils rechten Maskulinisten bis hin zu gleichstellungsorientierten Männerpolitiken. Ziel des Panels ist es, einen Überblick über aktuelle Männlichkeitspolitiken zu geben und weitergehend Potentiale der Degrowth-Bewegung in Richtung Transformationen von Männlichkeiten und Geschlechterverhältnisse auszuloten.
Expert*innen: Mara Kastein, Elli Scambor, Sebastian Scheele, Matthias Schmelzer
Moderation: Christine Bauhardt
Fragesteller*innen aus dem Kolleg: Dennis Eversberg und Christine Schickert

16:00-16:30 Kaffeepause

16:30-17:30 Uhr Ergebnissicherung und Abschlussdiskussion
Sylka Scholz, Andreas Heilmann und Moderator*innen