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Die Konferenz 'Good Life beyond Growth': Was ist das gute Leben?

Vom 21.-23. Mai fand an der Friedrich-Schiller Universität Jena die internationale Konferenz 'Good Life beyond Growth' mit über 250 Teilnehmerinnen und Teilnehmern statt. Die Konferenz wurde vom Kolleg Postwachstumsgesellschaften an der Universität Jena und dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt gemeinsam organisiert. 3 Tage lang widmeten sich die TeilnehmerInnen der Konferenz den verschiedenen Aspekten eines 'Guten Lebens' nach dem Wachstum und erörterten, ob und wie individuelle, soziale und politische Bedingungen für ein 'Gutes Leben' identifizierbar seien in einer Gesellschaft, die das Versprechen eines sozialen Aufstiegs der letzten Jahrzehnte für immer weniger Menschen halten kann. Die Frage, wie 'gutes Leben' in Anbetracht der ökonomischen und ökologischen Krisen der Gegenwart und einer allgemeineren Krise des Wachstumsparadigmas aussehen kann, beschäftigt seit geraumer Zeit u.a. SoziologInnen, PhilosophInnen, WirtschaftswissenschaftlerInnen, PolitologInnen und PsychologInnen. Die Konferenz versuchte, diese verschiedenen Stränge einer vielschichtigen Debatte an einen Ort zu versammeln und gemeinsam danach zu suchen, wie man Fragen nach dem 'Guten Leben', Wohlbefinden und Glück verstehen, rahmen, analysieren und operationalisieren kann.

In einem interdisziplinären Dialog sollte diskutiert werden, was ein 'gutes Leben' ausmacht, wo seine subjektiven und objektiven Grenzen liegen und wie 'Gutes Leben' in einer Postwachstumsgesellschaft aussehen könnte. Dazu waren neben Hartmut Rosa (FSU Jena) mit Eva Illouz (Hebrew University Jerusalem), Tim Jackson (University of Surrey), Serge Latouche (Universität Paris-XI), Manfred Max-Neef (Universidad Austral de Chile) überaus renommierte Keynote Speaker gekommen, die in ihren Feldern die Debatte aus unterschiedlichen Blickwinkeln seit geraumer Zeit voran treiben. Über diese Fragen wurde auch in weiteren Sessions intensiv diskutiert.

In seinem Eröffnungsvortrag beleuchtete HartmutRosaRosenthal Rosa zu Beginn das Konzept der dynamischen Stabilisierung: ein Merkmal moderner Gesell-schaften sei es, dass sie nur durch beständiges Wachstum, Beschleunigung und Innovation überhaupt ihren Status Quo erhalten können. Daraus ergibt sich für ihn die Frage, wie dieser Prozess der 'dynamische Stabilisierung' mit der Frage nach dem 'Guten Leben' in Beziehung gesetzt werden kann. Rosa kommt zu dem Schluss, dass die heute geläufige Vorstellung eines 'Guten Lebens' zumeist von der Menge an verfügbaren Ressourcen bestimmt sei und der daraus resultierende Wunsch nach einem 'mehr' an Ressourcen den Wachstumsimperativen moderner Gesellschaften in die Hände spiele. Das Versprechen des 'mehr' und des Wachstums sei es, dass Menschen ihre Weltreichweite immer weiter ausbauen könnten. Dazu komme, dass mit der Privatisierung und Pluralisierung der Idee des 'guten Lebens' die Menschen zunehmend darauf angewiesen seien, diese selbst mit Inhalt zu füllen. Laut Rosa gehe dabei der Bezug zum Inhalt eines 'guten Lebens' verloren und auch die Beziehung zu Dingen verändere sich: Menschen haben immer mehr Dinge und Optionen zur Verfügung, schaffen es aber gar nicht, sie zu nutzen und eine Verbindung zu ihnen aufzubauen. Er macht sich dafür stark, die Idee des 'guten Lebens' nicht mehr über die Menge der Optionen zu definieren, sondern vielmehr als eine Art und Weise, mit der Welt in Beziehung zu treten. Dabei betont er jedoch, dass es bei dem Drang nach 'immer mehr' nicht nur um kulturelle Normen ginge, sondern um strukturelle Notwendigkeiten moderner Gesellschaften, was bei der Suche nach Alternativen berücksichtigt werden müsse. Eine Möglichkeit einer positiven Weltbeziehung sieht Rosa in Resonanzverhältnissen, die aus seiner Sicht auf einem Antwortmodus basiert. Beide miteinander in Beziehung tretende Seiten begäben sich mit je eigenen Stimmen in einen Austausch. Das schließe weder Widersprüche noch Dissonanzen aus, sondern beide seien Bestandteile resonanter Weltbeziehungen. Resonanz ist dabei kein emotionaler Zustand, sondern eine Art und Weise des Weltbezugs, der auf Antwort beruht und Offenheit voraussetzt, aber gleichzeitig genug Geschlossenheit aufweist, um eine eigene Stimme zu entwickeln und zu erheben. 

Tim JacksonAnschließend widmeten sich Tim Jackson und Serge Latouche den theoretischen Grundlagen der Debatte. In seinem Vortrag 'Prosperity and Sustainability - foundations for a post-growth society' befasste sich der Wirtschaftswissenschaftler Jackson mit der Frage, ob und wie Wohlergehen auch ohne Wachstum möglich sein kann. Er berichtete von seinen Forschungen gemeinsam mit Peter Victor zu Möglichkeiten eines Wandels hin zu einer nachhaltigen Wirtschaft mit 'grünen' Investitionen und einer nicht-wachsenden Wirtschaft. In der politischen Arena gelte oft die Devise: soziale Stabilität hinge von ökonomischer Stabilität ab und diese wiederum von Wachstum. Allerdings hätte sich inzwischen deutlich gezeigt, dass das Wachstumsparadigma zu Instabilität und Ungleichheit führte. Allerdings besitzen die Wirtschaftswisseschaften nach Ansicht Jacksons weder eine Idee noch ein makroökonomisches Modell, mit dem bestimmbare wäre, wie eine Wirtschaft ohne Wachstum aussehen würde. Es wäre an der Zeit, diesen 'Plan B' zu entwickeln und zu fragen, was es brauche, um die Wirtschaft neu auszurichten. Gemeinsam mit Victor arbeitet er an solchen Modellen, die u.a. der Frage nachgehen, was mit einer Wirtschaft, die nur noch auf deutlich eingeschränktere Ressourcen zurückgreifen kann, passieren würde, und ob ein Rückgang von Wachstum oder Null-Wachstum zu Instabilität, Wegfall von Arbeitsplätzen und/oder zunehmender Ungleichheit führen würde. Ihre Modelle zeigen, dass verlangsamte Wachstumsraten nicht zwangsweise zu zunehmender Ungleichheit führen müssen, sondern dieser Entwicklung mit bestimmten Rahmenbedingungen entgegengewirkt werden kann. Das Modell von Jackson/Victor zeige, dass die Ungleichheit bei sinkenden Wachstumsraten nur dann zunimmt, wenn Arbeit nicht ausreichend geschützt wird. Darüber hinaus sprach Jackson über die Frage, wie Rahmenbedingen einer Postwachstumsgesellschaft aussehen könnten. Er vertrat die Ansicht, dass wachstumsbasierte Gesellschaften auf einer falschen Annahme darüber gründen, was Menschen tatsächlich benötigen. Er definiert vier Bereiche, die aus seiner Sicht für einen Wandel zentral sind: zum ersten die Idee 'enterprise as service' - Unternehmen werden daran gemessen, dass sie wenig Ressourcen verbrauchen, Lebensqualität erbringen, in die Gemeinschaft integriert sind und gute Arbeit schaffen. Zum zweiten gute Jobs, zum dritten 'grüne' Investitionen, die effizient sind und sich auf Infrastruktur, Dienstleistungen und ökologischen Schutz konzentrieren. Als vierten Bereich sieht er ein stabiles Geldsystem, das seinen Sinn erfüllt, in denen es die Möglichkeit von Privatkrediten (Peer-to-Peer-kredite) und Community bonds gibt, in dem Gemeinschaftsbanken vorherrschen und Investitionen aus klimaschädlichen Bereichen in andere Bereiche umgeleitet werden (divest-invest).

Serge Latouche, Professor in Paris und Veteran der Postwachstumsbewegung, erläuterte in seinem Vortrag "Du Bonheur au Buen vivir. Ou les mésaventures de la vie bonne entre modernité et décroissance" den Bedeutungswandel, genauer genommen die Reduktion des Begriffs 'bonheur'. Er beschrieb, wie 'Glück' und 'Wohlergehen' in der Moderne zunehmend mit dem Besitz von materiellen Gütern und Konsum verbunden und dann in einem weiteren Schritt auf das Messbare reduziert wurde. So wäre das Bruttoinlandsprodukt zum Indikator für Wohlstand geworden. Er führte aus, dass ÖkonomInnen inzwischen zwar darauf hinweisen, dass das BIP keineswegs zur Messung von Wohlergehen diene, aber von Politik bis Medien die Idee des BIP als Wohlstandsmesser immer noch allgegenwärtig sei. Um nun neue Wege des 'guten Lebens' zu finden und die Idee des BIP als Messlatte dafür wieder aus den Köpfen zu bekommen, ist es für Latouche notwendig, zu wissen, wie es dort hinkam. Ziel der décroissance sei es nun, von 'Wohlstand' wieder zum 'Glück' zu kommen. Latouche führt aus, dass ein möglicher neuer Weg aus dem Globalen Süden komme: verschiedene indigene Konzepte verwiesen auf ein 'gutes Leben', das 'ein rechtes Maß' wiederfinde und stark auf Gemeinschaft und Solidarität setze. Latouche macht dieses Gemeinsame anhand der Idee der Konvivialität stark, die darauf abziele, keine Ausgeschlossenen zu produzieren. Dabei sei Décroissance zunächst kein Konzept, es ginge nicht um ein Zurückwachsen als Selbstzweck, sondern habe vorwiegend das Ziel, den Sinn der Grenzen wieder klar zu machen, es ginge darum, dem Glauben an Wachstum und Ökonomie abzuschwören.

In einem abendlichen Panel diskutierten Alberto Acosta, Milena Büchs und Ashish Kothari mit Ulrich Brand über die politischen Implikationen der Frage nach dem 'guten Leben' und der möglichen Rolle des Staates in der Debatte. In der Diskussion ging es um die Wichtigkeit radikaler und basisorientierter Demokratie und die Notwendigkeit sozialer Bewegungen u.a. an konkreten Beispielen aus Indien und Equador.

Den Freitag eröffnete Manfred Max-Neef mit einem Vortrag zu 'A Philosophy of Ecological Economics', in dem er das Konzept der Ecological Economics näher erläuterte. Ausgehend von der Einsicht, dass Menschen nur als Teil der Natur existieren und die Zerstörung der Natur auch die Zerstörung der Menschen bedeuten würde, fragt sich der Ansatz der ökologischen Ökonomik, wie die Wirtschaft sich ändern müsse, um Natur und Menschen zu schützen. Max-Neef führte aus, dass es zum Verstehen des Verhältnisses zwischen Wirtschaft, Natur und Gesellschaft einer transdisziplinären Perspektive bedürfe, die in der Mainstream-Konzepten wie der neoklassischen Ökonomie meist keine Rolle spielte. Darüber hinaus werde vernachlässigt, dass Menschen Gemeinschaft zum Leben benötigten. So sehe die neoklassische Ökonomie Solidarität als irrational an. Ecological Economics gehen dahingegen von einer Reihe notwendiger Veränderungen aus: die Idee des 'economic man' (homo oeconomicus) solle sich zum 'ecological man' wandeln, qualitative Entwicklung wird anstelle des quantitativen Wachstums in den Mittelpunkt gestellt und basisdemokratische, kooperative und lokale Entscheidungsfindungen gestärkt. Dabei basiert die Ökologische Ökonomik laut Max-Neef auf fünf Feststellungen: 1) die Wirtschaft dient den Menschen, 2) die Idee der 'Entwicklung' dreht sich um Menschen und Leben, nicht um Dinge, 3) Wachstum ist nicht dasselbe wie Entwicklung und Entwicklung braucht nicht unbedingt Wachstum, 4) kein ökonomischer Prozess ist ohne Ökosystemdienstleistungen möglich, und 5) Ökonomie ist ein Subsystem der (endlichen) Biosphäre, permanentes Wachstum ist daher nicht möglich. Darüber hinaus basiert die Ökologische Ökonomik auf einem Wertgrundsatz: kein ökonomisches Interesse steht über der Wertschätzung des Lebens.

In zwei parallelen Sessions diskutierten danach zum einen Andrew Sayer und John O'Neill über Fragen von Ungleichheit und zum anderen Felix Rauschmayer, Monica Guillen-Royo, Manfred Max-Neef und Ines Omann über 'Human needs fulfilment beyond Growth' Am Freitagnachmittag folgten dann insgesamt sieben Paper Sessions, in denen eine Fülle von unterschiedlichen Themen zur Debatte standen: diskutiert wurde über Resonanz und menschliche Bedürfnisse, die Kritik gängiger ökonomischer Modelle und Wachstumsfragen genauso wie über die Rahmung und Operationalisierung von 'Glück'. Auch praktische Ansätze wie z.B. die Frage, wie eine verkürzte Arbeitszeit umgesetzt werden könnte, wurden intensiv diskutiert.

Am Freitagabend diskutierten Klaus Dörre, Nicole Mayer-Ahuja und Hartmut Rosa unter der Moderation von Stephan Lessenich darüber, wie Konzepte einer 'guten Arbeit' aussehen könnten. Nicole Mayer-Ahuja skizzierte in ihrem Input zu Beginn, wie gute Arbeit in der Wachstumsgesellschaft verstanden wurde: in der Mehrheit als Normalarbeitsverhältnis, dass vor allem für Männer stabile und existenzsichernde Jobs und Konsummöglichkeiten bedeutete und Frauen Freiräume für Kindererziehung, Hausarbeit und pflegende Aufgaben einräumte. Nach 1970 kam es zu einer Erosion des Normalarbeitsverhältnisses, das gleichzeitig von linker Seite als disziplinierend und diskriminierend kritisiert wurde - eine Kritik, die sich laut Mayer-Ahuja zumindest in Teilen mit neoliberaler Kritik deckte. Heute wirke aus Mayer-Ahujas Sicht das Wachstum fort, ArbeitnehmerInnen bekommen davon aber immer weniger ab, Umverteilung würde ersetzt durch neue Polarisierung von Einkommen und Vermögen. Als ein Ergebnis würden Arbeit und Leben heute oft als getrennte Sphären diskutiert, die nachträglich wieder zusammengebracht werden müssten (work-life-balance). 'Gutes Leben' finde jenseits der Arbeit statt. Zum Abschluss führt Mayer-Ahuja aus, wie künftige Debatten um gutes Leben und Arbeit aussehen könnten: als eine Möglichkeit sieht sie eine neue Debatte über Qualität in der Arbeit und ein 'neues Normalarbeitsverhältnis'. Wie dies genau aussehen könnte, müsse sich in der Diskussion herausstellen, einige Konturen seien aber bereits zu erkennen: Arbeit müsse gerechter verteilen werden, vor allem zwischen Männern und Frauen; das Einkommen müsse existenzsichernd sein; Arbeit dürfe nicht krank machen, fachliche und persönliche Weiterentwicklung seien genauso Teil wie ein Rechtsanspruch auf Auszeiten bei Bedarf und das Recht auf kollektive Organisierung. Mayer-Ahuja beendete ihren Vortrag mit dem Verweis, dass es zur Umsetzung dieser Forderungen einen handlungsfähigen Staat bräuchte und eine 'Flexibilisierung von unten': ArbeitnehmerInnen müssten größere Entscheidungs- und Handlungsmöglichkeiten erhalten. Im Anschluss an diesen Beitrag diskutierten Dörre, Mayer-Ahuja und Rosa überaus engagiert die Frage, ob und wie die Forderung nach mehr Verteilungsgerechtigkeit bereits Teil eines Wachstumszwangs wäre.

Der Samstag begann mit zwei Sessions zu Fragen des Wohlfahrtsstaats auf der einen und subjektiven Grenzen des Wachstums auf der anderen Seite, bevor Eva Illouz mit ihrem Vortrag 'Is Love still a part of the Good Life?' mit einem nochmaligen Blick auf die subjektiven Dimensionen den Schlusspunkt der Konferenz setze, der natürlich kein Schlusspunkt der Diskussion ist. In den beiden Sessions wurde zum einen mit Claus Offe und Philippe van Parijs über das Gute Leben und den Wohlfahrtsstaat und Fragen eines allgemeinen Grundeinkommens diskutiert, während im Panel 'Subjective Limits to Growth' Dennis Eversberg und Stefanie Graefe über subjektive Grenzen des Wachstums und die Frage diskutierten, warum Menschen an (auch für sie scheinbar nachteiligen) Wachstumsregimen teilhaben bzw. warum sie an bestimmten Punkten dagegen aufbegehren.

Um die Frage, ob die Idee der romantischen Liebe noch ein Teil des 'Guten Lebens' ist, zu beantworten, zeichnete Illouz zu Beginn ihres Vortrages die Entwicklung der Idee der romantischen Liebe in der Moderne nach. Laut Illouz bekam Liebe zum einen einen größeren Stellenwert innerhalb der eigenen Persönlichkeit als säkularisierte Version der Liebe zu Gott, zum anderen wurde Liebe ein immer wichtigerer Teil der eigenen Autonomie - die Menschen kamen zunehmend zu der Überzeugung, dass sie selbst, und nicht die Eltern oder die Gemeinschaft, über ihre Gefühle bestimmten. Liebe wurde damit nach Illouz ein zentraler Teil der eigenen Individualität. In einem zweiten Schritt hätte sich Liebe zunehmend mit Glück und Zufriedenheit verbunden und wäre zu einem Hauptbestandteil von Lebenszufriedenheit geworden. Illouz meinte, dass die Liebe auch tatsächlich das Potential hätte, diese Zuweisung zu erfüllen: sie könne vor allem in Zeiten, in denen viele andere Sicherheiten zerstört werden, eine ontologische Sicherheit bieten. Sie könne in Zeiten der Standardisierung die Anerkennung von Individualität und Einzigartigkeit bieten, sowie intensive Intimität in Zeiten, in denen Solidarität zunehmend an Bedeutung verliere. Illouz konstatiert, dass die Liebe eine Verbindung mit dem Kapitalismus eingegangen wäre, die es aus ihrer Sicht es immer schwieriger macht, diese Versprechen auch tatsächlich einzulösen. Die Sexualisierung zwischengeschlechtlicher Beziehungen hätte dazu geführt, dass sich eine neue Art sozialer Beziehung herausgebildet hat, die nicht nur neue Felder ökonomischer Interessen wie Mode, Kosmetik, Pornografie oder kosmetische Medizin mit sich gebracht hätte, sondern auch zu einer Loslösung der Idee der Liebe von moralischen und sozialen Netzwerken, quasi eine Deregulierung, zur Folge gehabt habe. Damit habe sich eine Entwicklung - parallel zur Deregulierung wirtschaftlicher und anderer sozialer Beziehungen - eingestellt, die zum einen eine Vergrößerung des Felds der möglichen PartnerInnen bewirkt und einen neuen Wettbewerb hervorgerufen habe, als auch Beziehungen insgesamt beschleunigt und deren Zahl erhöht habe. Die Folgen beschreibt Illouz folgendermaßen: die zunehmende Instabilität führe bei den Menschen zu einer Unsicherheit und Angst. aus der Beziehung 'gefeuert' zu werden, und zu Persönlichkeitsmustern, die sich auf ständigen Wechsel und prekäre Lebenssituationen einstellten. Auch ließe sich feststellen, dass junge Menschen zunehmend Probleme hätten, sich selbst in der Zukunft zu sehen und dies kohärente Erzählungen vom Selbst zunehmend erschwere. Daraus folgerte Illouz, dass die sozialen Rahmenbedingungen immer weniger förderlich für die alte Idee der romatischen Liebe würden und Liebe in dieser Form so nicht mehr Teil des Guten Lebens sein werde, sondern neu diskutiert und imaginiert werden müsse.

Auch wenn viele Fragen nur in Ansätzen diskutiert werden konnten, bot die Konferenz für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer eine Vielzahl von Anregungen, Denkanstößen und Ideen, die sicher auf die ein oder andere Weise weiterverfolgt werden und die auch die ForscherInnen des Kollegs weiterverfogen werden.