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Wachstumsregime und Alternativen in Indien - ein Workshopbericht

Am 27. Februar 2014 fand am Kolleg Postwachstumsgesellschaften ein Workshop mit Nivedita Menon, Professorin für politische Theorie an der Jawaharlal Nehru University, Delhi und Aditya Nigam, Fellow am Centre for the Study of Developing Societies (Delhi) zu 'Growth, Environmentalism and Intersecting Inequalities in India' statt. Stephan Lessenich (Universität Jena), Antje Linkenbach (Universität Erfurt), Sumeet Mhaskar (Universität Göttingen) und Barbara Muraca (Universität Jena) kommentierten die Ausführungen Menons und Nigams.

Ein Anliegen des Workshops war es, zunehmend auch Perspektiven aus dem globalen Süden in die Analyse von und die Auseinandersetzung mit Fragen von Wachstumsgesellschaften und den Mechanismen dynamischer Stabilisierung einzubeziehen, wie es am Kolleg in der Vergangenheit z.B. bereits im Austausch mit WissenschaftlerInnen aus China geschehen ist. Im indischen Kontext waren vor allem Fragen der Landnahme interessant, die in Indien im großen Rahmen noch im buchstäblichen Sinne als 'Akkumulation durch Enteignung' zu beobachten sind. Aber auch Fragen der ökologischen Zerstörung und Alternativen zur kapitalistischen Gesellschaftsordnung sollten eine wichtige Rolle spielen.

Aditya NigamAditya Nigams Beitrag beschäftigte sich mit den Auswirkungen des gegenwärtigen kapitalistischen Wachstumsregimes in Indien und setzte sich mit den Möglichkeiten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Alternativen auseinander.

In Nigams Ausführungen wurden schnell Parallelen zu westlich-kapitalistischen Gesellschaften sichtbar: auch in Indien wird Wirtschaftswachstum als alternativlose Notwendigkeit zur dynamischen Stabilisierung dargestellt. Dort geschieht dies allerdings vermittelt über das vermeintliche Erfordernis von 'Entwicklung'. In den vergangenen Jahrzehnten wurde dabei laut Nigam die ursprüngliche (wenigstens rhetorisch verbreitete) Vorstellung von 'Entwicklung', die eine grundlegende Versorgung der Bevölkerung mit angemessenen Wohnmöglichkeiten, Trinkwasser und Elektrizität gewährleisten wollte, von einem abstrakten Streben nach 'Wachstum' abgelöst, welches der indischen Mittel- und Oberschicht einen westlichen Lebensstandard und Konsummöglichkeiten ermöglichen soll. Die 1991 als 'Reformpolitik' begonnene neoliberale Wende in der Wirtschaftspolitk zur Erhöhung der Wachstumsraten führte zur Einrichtung von Sonderwirtschaftszonen (Special Economic Zones), in denen Unternehmen von vielen sonst geltenden Gesetzen und Regularien befreit waren, sowie zu großangelegten Ankäufen von Land - oft bei minimaler Entschädigung der Bauern - aber auch zu einer neuen Welle von Auseinandersetzungen. Nigam führte aus, dass diese Auseinandersetzungen, anders als in den Jahrzehnten zuvor, oft militante Formen annahmen. Höhere Wachstumsraten bedeuteten daher in Indien laut Nigam eine deutliche Zunahme an Gewalt innerhalb und außerhalb von Produktionsstätten.

Eine weitere Konsequenz der zunehmenden Integration der indischen Wirtschaft in globale kapitalistische Kreisläufe ist aus Nigams Sicht, dass die indische Wirtschaft zumindest in Teilen abhängiger von den Entwicklungen in den westlich-kapitalistischen Ländern wurde: Die Wirtschafts- und Finanzkrise in den USA und Europa hat sich auch in Indien z.B. durch Verluste von Arbeitsplätzen bemerkbar gemacht. Unter anderem um diese Abhängigkeit zu brechen, macht sich Nigam auf die Suche nach Formen alternativen Wirtschaftens. Dazu setzt er bei Teilen der sogenannten informellen Ökonomie Indiens an, die er 'molekulare Wirtschaft' nennt und die ein Wirtschaften außerhalb kapitalistischer Wirtschaftskreisläufe bzw. innerhalb eines lokal sehr begrenzter Marktes beschreiben.

In Indien sind Formen der informellen Ökonomie, die über 90% der indischen Wirtschaft ausmachen, offiziell ungern gesehen, da sie sich jeglicher Form der Regulierung entziehen und keine Steuern einbringen, aber in Krisenzeiten, wie z.B. in der aktuellen Wirtschaftskrise, sichern sie das Überleben der Menschen, weil sie von den wirtschaftlichen Entwicklungen in anderen Ländern unabhängig sind. Diese Funktion der Überlebenssicherung wird auch von staatlicher Seite anerkannt und zum Teil wird auf lokaler Ebene auch von Verwaltungsseite über die Ausweitung des Sektors nachgedacht. Diese lokalen, aus globalen kapitalistischen Wirtschaftskreisläufen entkoppelten Arten des Wirtschaftens sind für Nigam erste Ansatzpunkt zur Überwindung des Kapitalismus.

Nach Nigam sind dauerhafte Wege aus dem Wachstumszwang jedoch nur mit einer post-kapitalistische Idee (post-capitalist imagination) zu finden, die auch eine neue Vorstellung von linker Politik benötigt. Nigam nennt dies (in Ermangelung eines besseren Begriffs) 'molekularen Sozialismus' um so deutlich zu machen, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht 'von oben', sondern von unten kommen müssen. Eine Wiederbelebung von Staatssozialismus kann in seinen Augen nach den historischen Erfahrungen keine Lösung sein, auch weil sich in bisherigen Formen des Staatskommunismus unter verschiedenen Vorwänden trotzdem ein kapitalistisches Wirtschaftssystem herausgebildet hat. Da laut Nigam die frühere Vorstellung, dass Kapitalismus nur durch das Ergreifen staatlicher Macht überwunden werden kann, heute nichts mehr bedeutet, kann sich eine post-kapitalistische Transformation nur von unten und in allen Bereichen der Gesellschaft entwickeln. Dem ökonomischen Handeln liegt dabei in einem 'molekularen Sozialismus' nicht mehr die Erwirtschaftung von Profiten zugrunde, sondern das Erfüllen menschlicher Bedürfnisse - ein Ansatz, den Kalyan Sanyal 'need economy' nennt. Ansätze dieses neuen Sozialismus sieht Nigam heute schon dort, wo eine 'Ethik des Teilens' praktiziert wird.

Nigam plädierte dafür, dass verschiedene Bewegungen (z.B. die Umweltbewegung, die Frauenbewegung, die Bewegung der Dalits), die u.U. sogar gegenläufige Ziele verfolgen, neue Wege des Austausches zu finden, die es ermöglichen, Auseinandersetzungen zu führen ohne Solidarität aufzukündigen. Er schloss mit der Aussage, dass linke Visionen lebendig seien, allerdings jenseits der Strukturen der institutionalisierten Linken und dass diese Visionen nun in die Praxis und in neue Ausdrucksformen übersetzt werden müssten.

Nivedita MenonNivedita Menons Beitrag beschäftigte sich mit den Zusammenhängen von Entwicklung, Wissenschaft und Religion und ihren Auswirkungen auf Ökologie und Diskurse über das 'Natürliche'. Dies diskutierte sie an einer Reihe unterschiedlicher Beispiele: Bei der Betrachtung verschiedener Entscheidungen des indischen Obersten Gerichtshofs zu ökologischen Belangen ließe sich ein Muster erkennen, das Menon als 'Umweltschutz übertrumpft Menschen, Entwicklung übertrumpft Umweltschutz' beschrieb. Dieses Muster gestaltet sich im Detail folgendermaßen: Mit der Begründung des Umweltschutzes traf der Oberste Gerichtshof in der Vergangenheit eine Reihe von Entscheidungen, in denen Waldgebiete zu Nationalparks oder Schutzgebieten erklärt wurden, mit der Konsequenz, dass die dort seit Generationen lebenden Gemeinschaften illegalisiert und vertrieben wurden, da in Schutzgebieten jegliche menschliche Eingriffe wie das Sammeln von Holz oder das Anlegen von Feldern untersagt sind. Mit Argumenten, die Umweltbelange ins Feld führten, wurden auch die Räumung und Zerstörung von Slums gerichtlich angeordnet. Wie auch beim Vertreiben der Gemeinschaften aus den Wäldern wurden die Interessen der dort lebenden Menschen und ihrer aus der Entscheidung resultierenden Obdachlosigkeit keine Beachtung geschenkt und nur geringer oder keine Ausgleichsmaßnahmen angeboten.

Anderes ist bei Entscheidungen zu Infrastruktur- und Industrieprojekten zu beobachten: selbst wenn der Bau dieser gegen geltende Umweltschutzrichtlinien verstieß, wurden illegal begonnene Bauvorhaben in der Regel nicht gestoppt sondern nachträglich gerichtlich abgesegnet. Menon verbindet dieses zu beobachtende Muster der Rechtsprechung mit der auch von Nigam angesprochenen veränderten Bedeutung von 'Entwicklung', in der indische Großstädte 'Weltstädte' sein wollen und dafür die Voraussetzungen schaffen: von geräumigen Straßen über Einkaufscenter bis zu Unterhaltungsangeboten. Dabei müssen laut Menon Menschen, die in diesen Fällen konkret von Umsiedelung oder Umweltzerstörung betroffen sind, hinter einer abstrakten Menge von Menschen, die (potentiell) von 'Entwicklung' profitieren können, zurückstehen.

In einem weiteren Beispiel präsentiert Menon die Diskussion um die geplante Zerstörung der Adamsbrücke, einer Formation aus Korallenriffen und Sandbänken zwischen Indien und Sri Lanka, zugunsten der Güterschifffahrt. In der Debatte spielten ökologische Aspekte wie der Tsunamischutz, den die Sandbänke und Riffe gewährleisten, kaum eine Rolle, ebenso ging es nur am Rande um die Zerstörung der Lebensgrundlage der Fischergemeinschaften, die dort leben. Vielmehr wurde die Debatte zentral darüber geführt, welchen Ursprungs die Formation ist: entstand die 'Brücke' natürlich, also wurde sie von der Natur über Jahrhunderte geschaffen oder wurde sie - wie im Nationalepos Ramayana beschrieben - unter der Führung des Gottes Hanuman erbaut. Aufgrund des Bezugs zu einem wichtigen hinduistischen Epos bilden rechte/konservative Hindus eine große Gruppe unter den GegnerInnen der Zerstörung. Im Ergebnis bat auch der Oberste Gerichtshof die indische Regierung, das Ramayana als eine religiöse Grundlage der indischen Gesellschaft angemessen bei ihren Planungen zu berücksichtigen. Hier zeigt sich laut Menon ein weiteres Mal, dass ökologische Aspekte bei Entwicklungsprojekten kaum Beachtung finden. Allerdings sind religiöse Anliegen (zumindest hinduistische) in der Lage, Großbauprojekte zu stoppen bzw. in ihren Planungen zu verändern.
Interessant war in der Diskussion auch die Rolle, die 'Wissenschaft' dabei spielte: Die BefürworterInnen des Bauprojekts brachten einen 'Diskurs der Wissenschaft' in Anschlag, um die Zerstörung der Adamsbrücke für die Schifffahrt gegen den 'Mythos' des Ramayana zu verteidigen. Dies blieb nicht ohne Folgen: Auch den nationalkonservativen Hindus schien offenbar eine ausschließliche Berufung auf die religiösen Texte nicht ausreichend, sie versuchten mit Gutachten, die Erzählungen des Epos wissenschaftlich zu 'beweisen'.

Auch in der Frage der kommerziellen Leihmutterschaft, die Menon als drittes Beispiel behandelt und die in Indien einen boomenden Markt darstellt, lassen sich in der Diskussion um Schwangerschaft und genetischer Abstammung die Konstruktion des vermeintlich 'Natürlichen' zeigen. (Potentiellen) Leihmüttern in Indien wird vermittelt, dass sie biologisch und psychisch wenig mit dem in ihnen heranwachsenden Kind zutun haben: sie fungieren nur als eine Art 'Ofen' ohne nennenswerte Bindung zum Kind, da das Kind nicht genetisch von ihnen abstammt. Auch die Auswirkungen des In-Vitro-Prozesses auf ihren Körper und ihre Psyche werden von WissenschaftlerInnen als minimal beschrieben. Bei anderen Verfahren der In-Vitro-Fertilisation hingegen, bei der die künftige soziale Mutter das Kind austrägt, aber das eingepflanzte Ei nicht ihr eigenes ist, wird die Bedeutung der Gene für das werdende Kind als weniger wichtig dargestellt und der Prozess der Austragung (und die spätere Erziehung) gewinnen in der medizinischen Darstellung an Bedeutung. Die wissenschaftlichen Argumentationsmuster über die 'natürlichen' Prozesse einer Schwangerschaft und des Heranwachsens eines Kindes werden nach Menon also der Zielgruppe und dem Anliegen angepasst.

Darüber hinaus eröffnet die kommerzielle Leihmutterschaft natürlich auch Ansatzpunkte für eine neue Diskussion um Machtverhältnisse: gutsituierte Paare aus dem globalen Norden kaufen sich relativ rechtlose Frauen aus den armen Gebieten der Welt um für sie Kinder auszutragen. Im Rahmen des Beitrags konnte dieser Aspekt jedoch nur angerissen werden.

Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops

Für Menon bleibt nach diesen Beispielen die Frage, was geschehen würde, wenn wir mit Bruno Latour die Trennung des 'Natürlichen' vom 'Sozialen' als Gründungsmythos der Moderne problematisieren würden und natürliche und soziale Ordnungen als koproduziert und zusammengehörig anerkennen würden. Zum Schluss kommt sie zu ähnlichen Schlussfolgerungen wie Nigam: Aus ihrer Sicht ist eine Veränderung hin zu gemeinsamen, lokalen Lebensweisen notwendig. Im globalen Süden ist dies oft ohne große Veränderung möglich, da viele Menschen noch nicht in formale kapitalistische Ökonomien eingebunden sind. Eine linke Agenda muss diese Lebensweisen als berechtigt anerkennen und trotzdem versuchen, die Härte dieser Lebensweisen zu mildern. Für Menon ist dies kein unpolitischer Rückzug sondern ein hochpolitischer Akt gegen die anhaltende Gewalt des Kapitals und staatlicher Strukturen, die es erhalten.