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Wachstumskritik und kapitalistische Wachstumszwänge

Ein Workshop der Themengruppe im Kolleg Postwachstumsgesellschaften am 30. & 31. Mai 2013 

Wer Grenzen des Wachstums sieht, sollte Zwänge des Kapitalismus im Blick haben. Die global durchgesetzte Wirtschaftsweise erfordert offenbar ständige Erweiterungen und Steigerungen, bedingt unkontrollierten Ressourcenverbrauch und irreparable Schäden. Im Workshop wurde ausgehend von unterschiedlichen theoretischen Konzepten erörtert, welche Aspekte von 'Wachstum' unter kapitalistischen Bedingungen wirklich unverfügbar sind und welche nur Phasen dieser Produktionsweise angehören, politisch mitgestaltet bzw. (kapitalismus-)geschichtlich überwindbar sind. Ziel des Workshops war es, zwei Serien von Fragen zu diskutieren, die einerseits den Wachstumsbegriff und andererseits Theorien kapitalistischen Wachstums betreffen. Solche Fragen sind erstens:

  1. Lässt sich das Wachstum einer Gesellschaft sinnvoll durch materielle Kriterien wie z.B. Ressourcen- und Energieverbrauch, Flächennutzung, Bevölkerungsdichte bestimmen?
  2. Ist Wachstum eine wesentlich ökonomische Angelegenheit, die sich durch steigende Bruttosozialprodukte, Unternehmensprofite, Konsumausgaben und Beschäftigungsquoten bestimmen lässt?
  3. Welche Bedeutung haben dafür oder demgegenüber Expansionsmuster wie wissenschaftliche Innovation, ästhetische Überbietung, lebenslanges Lernen, Sozialstaatswachstum (oder auch die zunehmende Verwissenschaftlichung, Ästhetisierung, Pädagogisierung, Verrechtlichung und womöglich Politisierung der Gesellschaft)? Welche Rolle kommt sozialen Herrschaftsverhältnissen zu?

Diskutiert werden sollte zweitens:

  1. Verlangen kapitalistische Wirtschaften eine kontinuierlich zunehmende Menge von Waren, Arbeitskräften und Konsumenten? Und: welche Art von Arbeit muss ggf. zunehmen?
  2. Muss sich die Gesamtgröße kapitalistischer Profite beständig erhöhen (und ist dies die treibende Kraft der anderen Wachstumszwänge)?
  3. Weshalb sind Nullwachstum oder Schrumpfung nur aus bzw. als Krisen bekannt?
  4. Welche wirtschaftlichen Folgen hätte eine politisch-kulturelle Entscheidung zu massenhaftem Konsumverzicht? In welchem Verhältnis stehen Wachstum und (soziale, humane) Entwicklung?
  5. Ist kapitalistisches Wachstum ohne wachsenden Ressourcenverbrauch denkbar (z.B. in Dienstleistungsökonomien oder durch Zunahme der Informationsgüter)?
  6. Welche Wachstumsmuster waren (tendenziell) auf Entwicklungsphasen des Kapitalismus begrenzt - ursprüngliche Akkumulation und koloniale Expansion, Kommodifizierung traditioneller Sektoren, nationalstaatliche Investitionen, private Massenverschuldung ...?

Die Antworten auf diese Fragen hängen wesentlich von den je genutzten Theorien ab - Neoklassik oder Marxsche Werttheorie, systemtheoretische oder regulationstheoretische Auffassungen des feministische und ökologische Ökonomie, Konsumkritik oder Linkskeynesianismus. Wir haben mit dem Workshop einige dieser Perspektiven miteinander ins Gespräch und in die Diskussion gebracht.


Session 1: A Green System of Accumulation? Regulation and Landnahme.

Ulrich Brand und Ariel Salleh in der Debatte

Gegenstand des Auftaktpanels war die Frage, ob wir gegenwärtig der Entstehung eines "grünen Kapitalismus" beiwohnen bzw. ob dies prinzipiell vorstellbar sei: Wer könnten die Akteure einer solchen Transformation sein, welche Strategien verfolgen sie und welche Gegenbewegungen zu einem sich ökologisch restrukturierenden Kapitalismus können identifiziert werden?

Ulrich BrandDiese Fragen wurden aus zwei Theorieperspektiven beleuchtet: Ulrich Brand betrachtet - in einem gemeinsam mit Markus Wissen verfassten Text - aus regulationstheoretischem Blickwinkel die anvisierte und umkämpfte green economy als Strategie der Bearbeitung der gegenwärtigen Krise des Neoliberalismus. Ein zentrales Argument lautet dabei, dass es kapitalistischen Gesellschaften prinzipiell möglich sei, durch derartige Strategien ihre ökologischen Grenzen zeitlich und räumlich weiter hinauszuschieben, die Krise also gewissermaßen auf Dauer zu stellen. Thomas Barth verband in seinem Kommentar die bekannte Kritik an der Regulationstheorie, dass diese überwiegend die mehr oder weniger erfolgreiche Reproduktion des Kapitalismus als Wachstumsregimes beschreibe, mit der Frage, welchen Beitrag die Theorie dann zur Debatte um degrowth tatsächlich leisten könnte. Die Aufgabe einer fortgeschrittenen Regulationstheorie sei es, so Brands Antwort, dem Hegemonieprojekt eines grünen Kapitalismus als "Fundsache" nachzugehen, also nach den Bedingungen und Möglichkeiten einer derartigen sozialen Transformation zu fragen und nicht ex post eine bestimmte Entwicklung zu konstatieren. Die Regulationstheorie könne zudem einen Beitrag zur degrowth-Debatte leisten, insofern sie die stetigen Versuche aufdecke, die dominante kapitalistische Produktionsweise als einzige und alternativlose gegen die faktische Gleichzeitigkeit einer Vielfalt von Produktionsweisen darzustellen. Eine weitere Frage war, wo aus regulationstheoretischer Sicht die Imperative und Treiber des Wachstums zu verorten wären. Statt bei den im engeren Sinne ökonomischen Zwängen zu bleiben, betonte Brand die sozio-kulturelle Dimension und die Rolle alltäglich reproduzierter Praxen; d.h. die spezifischen Subjektivitäten, die sich v.a. im globalen Norden im Zuge des Drängens breiter Bevölkerungsschichten nach einem besseren Leben mit einer konkreten - herrschaftlich abgesicherten - "imperialen Lebensweise" verbunden hätten. Im Laufe der Diskussion ergänzte Brand, dass im Rahmen der institutionalisierten Formen gesellschaftlicher Interessenvertretung ganz bestimmte Problemlösungen und Strategien in Bezug auf die Wachstumsproblematik zu identifizieren wären. Analysen, welche nach den Möglichkeiten und Grenzen von 'degrowth-Strategien' fragen, sollten sich seiner Auffassung nach nicht nur mit sozialen Bewegungen, sondern auch stärker mit diesen institutionalisierten Akteuren befassen.

Ariel Salleh teilt - in einem gemeinsam mit James Goodman verfassten Beitrag - aus öko-sozialistischer bzw. öko-feministischer Perspektive Brands Einschätzung, dass gerade die Bearbeitung der einst als ökologische Grenzen wahrgenommenen desaströsen Umweltfolgen kapitalistischen Wirtschaftens gegenwärtig Teil einer neuen Akkumulationsstrategie werden. Auf dem Rio +20 Gipfel im Jahr 2012 sei das Projekt einer green economy programmatisch in dem Dokument The Future We Want zusammen geflossen. Jedoch richtete Salleh komplementär zu Brands Blickwinkel den Fokus nun auf die gegenhegemonialen Strategien der sozialen Bewegungen, wie sie sich etwa auf dem gleichzeitig Weltsozialforum im Dokument Another Future is Possible verdichtet hätten. Stephan Lessenich und Ariel SallehDort habe mit dem Konzept der bio-civilisation - welches im Gegensatz zur profitgetriebenen Ausbeutung von Mensch und Natur eine symbiotische Beziehung zwischen beiden Seiten des Verhältnisse skizziere - die meta- industrial class ihre gegenhegemonialen Vorstellungen formuliert.

Barbara Muraca fragte in ihrem Kommentar, inwiefern die meta-industrial class tatsächlich als Klasse einen counter-hegemonic bloc formen könnte und ob hier nicht interne Differenzen und Inkorporierungstendenzen im Rahmen einer green economy überwiegen würden. In diese Richtung zielte auch die Frage, ob sich die so bezeichnete Klasse nicht durch ein derart hohes Maß an Heterogenität entlang verschiedener Achsen (z.B. patriarchale Herrschaftsverhältnisse, Interessenkonflikte zwischen verschiedenen indigenen Gruppen) auszeichne, dass die internen Widersprüche wirkmächtiger würden als die gemeinsamen Interessen der meta-industrial workers als "Klasse für sich". Ariel Salleh räumte ein, dass diese Heterogenität zweifellos vorliege, dies sollte aber nicht über die vorhandenen und in der Summe überwiegenden Gemeinsamkeiten hinwegtäuschen, die etwa durch die rege Teilnahme verschiedenster meta-industrieller Akteure an transnationalen Konferenzen deutlich werde (z.B. via campesina u.v.a.).

Einigkeit bestand abseits der Kontroversen hinsichtlich der Ausgangsfrage darin, dass aktuell Kämpfe um das gesellschaftliche Projekt einer green economy identifiziert werden können, die darauf abzielten, den Kapitalismus ökologisch zu erneuern. Geteilt wurde auch die Einschätzung, dass eine solche selbst über einen längeren Zeithorizont vorstellbare Bearbeitung der ökologischen Krise im Rahmen eines grünen Kapitalismus nicht mit der Lösung der Probleme einer grundsätzlich widersprüchlichen und krisenhaften kapitalistischen Naturaneignung verwechselt werden dürfte.

In der offenen Diskussion wurde zum einen auf die erhebliche Bedeutung des militärisch-industriellen Komplexes für die Wachstumsdebatte hingewiesen: in Bezug auf Umweltschäden sowie auch im Hinblick auf militärisch ausgetragene internationale Konkurrenz. Weiterhin stand zur Debatte, inwiefern die Mittelklassen im globalen Norden und Süden als vom derzeitigen Wachstumsregime noch (bzw. zunehmend) erheblich profitierende Akteure für eine Politik des degrowth gewonnen werden könnten. Dass hier die qualitativen Aspekte - der Art zu leben und des Wachstums - in den Vordergrund gerückt werden müssten, statt der pauschalen Gegenüberstellung von "Wachstum-Ja-Oder-Nein" zu folgen, war ein Argument in dieser Frage, die ansonsten aber nicht aufgelöst werden konnte. Mit der Diskussion des Verhältnisses von Strategien, Praktiken und dem Wissen um die Veränderbarkeit von Gesellschaft wurde die Session abgeschlossen. Zwar sei im Allgemeinen wohl von einem vorhandenen Wissen über die prinzipielle Verfügbarkeit der Rolle des Wachstums für die Organisation von Gesellschaft auszugehen, dem stünden aber oftmals sowohl die alltäglichen nicht-nachhaltigen Praktiken entgegen als auch objektive Zwänge und Notwendigkeiten (bspw. einkommensbedingte nicht-nachhaltige Konsumformen). Erweise sich dies als Einschränkung möglicher Strategien des degrowth, so dürften gleichwohl die bereits heute vielfältig praktizierten alternativen Lebensweisen nicht übersehen werden, die v.a. im globalen Süden - trotz Hegemonie eines extraktivistischen Wachstumsmodells - einen erheblichen Teil der Reproduktion der dortigen Bevölkerung ausmache.


Session 2: Wo werden nicht-ökonomische Wachstumszwänge kultiviert? Oder: Wachstum steuern?

Lutz Eichler und Stefan Meißner in der Debatte

Im zweiten Panel des Workshops stand die Frage im Zentrum, wie und welche Wachstumszwänge jenseits einer kapitalismustheoretischen oder vorrangig auf 'Wirtschaft' ausgerichteten Perspektive in modernen Gesellschaften wirken. Der Soziologe Stefan Meißner von der Bauhaus-Universität Weimar spürte ausgehend von systemtheoretischen Überlegungen dem Wachstumsparadigma nach. Meißner unterschied begrifflich zwischen Wachstumszwängen als kontingentem Strukturwachstum einerseits und als Spezifik des Wirtschaftssystems andererseits. Letzteres verdeutlichte er am Beispiel der Marktwirtschaft als historisch entwickelter Verkopplung von Wirtschaftswachstum und gesellschaftlichen Stabilitätserwartungen. Systemtheoretisch ließe sich, so Meißner, einiges gegen die dominant gewordene Lesart von Wachstum und Wachstumskritik vorbringen, besonders eindringlich warnte er vor den normativen Implikationen, die er in den empirisch beschreibbaren "Pathos-Semantiken" zum Wachstum sieht. Hierbei würde auch der Blick darauf verstellt, dass in modernen Gesellschaften differierende Beschreibungen über Modus und Funktion von Wachstum und Entwicklung aufeinandertreffen, die soziologisch beobachtet und voneinander unterschieden werden müssten.

Stephan Lorenz, Stefanie Graefe, Lutz Eichler, Stefan Meißner, Stefan Schröder (v.l.n.r.)
Aus sozialphilosophischer und -psychologischer Sicht formulierte Lutz Eichler (FAU Erlangen-Nürnberg) seine Thesen zum Wachstumszwang als kritische Analyse von Autonomieansprüchen. Der (subjektspezifische) Wachstumszwang liege in der Doppelstruktur unendlicher im-/materieller Individualitätsbehauptungen und dem prekären kollektiven Inklusionsversprechen moderner Gesellschaft und weniger in einer zweckrationalen Handlungsweise der Akteure. Zudem lauerten Angst und Ohnmacht als affirmative Komponenten, um jene Einsicht zu verdrängen, die dem Subjekt die Irrationalität der eigenen (wachstumserhaltenden) Handlungsweisen anzeigen und Widerstand verhindern. Wachstumskritische Lebensweisen sind als Lebensstile nur für eine Randgruppe attraktiv und bedienten eher Distinktionsbedürfnisse, als dass sie Vorboten einer Erneuerungspolitik seien. Wachstumskritik als Diskurs und als tatsächliche Praxis sind zwei unterschiedliche Tatbestände. Das Eine muss nicht kongruent mit dem Anderen vorkommen. Jene Doppelstruktur von Autonomie und Teilhabe an gesellschaftlichen Statussymbolen und -strukturen lässt den Übergang vom Diskurs zur Praxis viel unwahrscheinlicher werden als man annehmen möchte. Auch das gehört zur Autonomieideologie und schließt an die "imperialen Lebeweisen" an, die Ulrich Brand in seinem Beitrag als spezifisch wachstumsorientiert hervorgehoben hat.

Stefanie Graefe erörterte in ihrer Kommentierung des Beitrags, wie sich das Problem der politischen Gestaltung an die Rationalitätskritik Eichlers anschließen ließe. Sie schlug vor, die Leid- und Angstmotive der Subjekte weniger stark zu machen und auf die "Gewinn"-aspekte der imperialen Lebensweise zu fokussieren. Politisch ließe sich dann problematisieren, dass es sich eben um einen Wachstumszwang handle, den man nicht ohne weiteres universalisieren kann (globaler Norden und Süden), denn seine Ausweitung wäre mit Qualitäts- und Quantitätseinbußen verbunden. Wie ließe sich aber politisch ein Begehren nach "Weniger" stimulieren, das die Einsicht in die unhintergehbare Relationalität (statt nicht ausreichend theoretisierbarer Rationalität der Subjekte) menschlicher Subjektivität zur Grundlage hat?

Zentrale Kritikpunkte an Meißners Überlegungen wurden im Kommentar von Stefan Schröder in in der Gegenüberstellung von evolutionärem Strukturwachstum (Differenzierungslogik) und historisch steuerbaren Wachstumssystemen formuliert. Schröder stellte die zentrale "Workshopfrage" nach dem Motor der Wachstumslogik: Handelt es sich nun um einen systemimmanenten Struktursteigerungskurs (Differenzierungsparadigma = Wachstumszwang), der "im Crash" münden kann, oder können kontingente Wachstumslogiken, wie die der Marktwirtschaft, auch von sozialen Gruppen politisch reguliert und gestaltet werden?

Die an die Beiträge und ihre Kommentierungen anschließende Diskussion zielte zunächst insbesondere auf die systemtheoretische Perspektive: Hier sei eine implizite Wachstumssemantik zu erkennen, wenn Wachstum als Struktursteigerung gleichsam die Orientierung an Steigerungen automatisiere. Es wurde gefragt, ob unterhalb der behaupteten spezifischen Systemcodes nicht ein wirtschaftliches Programm vorausgesetzt sei. Wenn man mit Uwe Schimank Geld als Zahlungsmittel und Instrument von Steigerung identifiziere, stehe immerhin stets und zuerst der wirtschaftliche Code im Mittelpunkt wissenschaftlicher Diskussionen über Postwachstum. Folglich produzierten Wachstumssemantiken einen Wachstumsmythos und die Vorrangstellung der Wirtschaft innerhalb der Gesellschaft gleichsam mit. Diskurslogisch böte die Systemtheorie deshalb, so die Kritik, einen sehr beschränkten Erklärungszusammenhang an.

Weitere Beiträge betonten, dass nicht nur auf der Diskursebene die Steigerung von "Wachstum" zu diagnostizieren sei. Materielles Wachstum könne ebenso wie Strukturwachstum durch Differenzierung nicht nur historisch hergestellt, sondern ebenso in evolutionärer Perspektive rekonstruiert werden und münde in der Erschöpfung von Ressourcen. Die Frage der politischen Gestaltung laute dementsprechend: Wie ist den normativen Orientierungen beizukommen, die den evolutionären Ausbau der Gesellschaft begleiten und durch den Staat als konstruktive Ordnung mit hergestellt werden? An dieser Stelle ließen sich die Fragestellungen Meißners und Eichlers teilweise verbinden. Weshalb scheint in den gesellschaftlichen Selbstbeschreibungen der Glaube an Steuerbarkeit und Autonomiegewährleistung durch materielle Versorgung trotz gegenseitiger Erfahrung schier unendlich? Wachstumsversprechungen seien einerseits, so ein Erklärungsversuch, zentral auf individuelle Entfaltungsmöglichkeiten ausgerichtet, die dominant durch Geld hergestellt werden können. Andererseits stehe aber die Erfahrung des individuellen Aufstiegs für viele systematisch in Frage, so dass "präfigurative Praktiken" der Postwachstumsbewegung zeigen könnten, dass es auch anders geht. Autonomie wird dann etwa als Bestandteil geldloser Lebensentwürfe kultiviert und kulturalisiert. Statt Status und Aufstieg würden Erfahrungs- und Wissenspraktiken gemeinschaftliche Formen der Solidarität, Nachhaltigkeit und des Konsums hervorbringen. Darin liege auch die Radikalität der décroissance-Bewegung. Zum Abschluss der Session wurden die optimistischen Stimmen für eine Wende im Wachstumsdenken gebremst, indem die Heterogenität sozialer Gruppen thematisiert wurde: Die skeptische Frage lautete, ob die Kritik am Wachstumsimperativ auch auf Milieus zu übertragen wären, die jenseits "sich selbst befähigender Subjekte" gesellschaftliche Erfahrungen produzieren (z.B. ehemalige Industriearbeitermilieus), bzw. ob diese alternativen Praktiken selbst Teil von Subjektivierungsregimen sind, also nur in Abgrenzung zu anderen Milieus überhaupt Überzeugungskraft entfalten.


Session 3: In welchem ökonomischen Rahmen sind Alternativen zum Wachstum denkbar? Care-Ökonomie, Wachstumskritik, Keynesianismus

Ulrike Knoblauch, Niko Paech und Karl Georg Zinn in der Debatte

In der dritten Session des Workshops wurden auf Basis der Diskussionspapiere von Ulrike Knobloch ("Jonglieren mit Zeiten: Wirtschaftstheorie der bezahlten und unbezahlten Arbeit"), Niko Paech ("Jenseits der Wachstumsspirale") und Karl Georg Zinn ("Wachstumszwänge im Kapitalismus") Alternativen zum Wachstum aus unterschiedlichen (wirtschafts-)theoretischen und konzeptionellen Perspektiven diskutiert. Ausgangspunkte der Debatte bildeten

(1) das von Ulrike Knobloch vorgestellte Konzept der Care-Ökonomie, das ausgehend von einer geschlechterbewussten Wirtschaftsethik auf ein "Sorgendes Wirtschaften" zielt, mit Kooperation und Vorsorge als verallgemeinerbaren Handlungsmotivationen, denen Konkurrenz und Nachsorge als Sonderfälle nachgeordnet sind;

(2) das von Niko Paech entwickelte Konzept einer "Postwachstumsökonomie", das er den an Popularität gewinnenden "Green Growth"-Lösungen entgegenstellt und das bescheidenere sowie graduell auf Subsistenz beruhende Versorgungsmuster voraussetzt sowie darauf zielt, die "Systemlogik moderner Konsumdemokratien" zu durchbrechen;

(3) die Keynes-Rezeption von Karl Georg Zinn, die der vorherrschenden, auf die kurzfristigen Strategien der antizyklischen Wirtschaftssteuerung fokussierten Keynes-Lektüre die Keynes'sche Langfristperspektive entgegensetzt und deren Begründung einer endogenen Abschwächung des wirtschaftlichen Wachstums und des Übergangs zur Stagnation stark macht.

Ulrike Knoblauch

  Niko Paech  Karl-Georg Zinn

Brigitte Aulenbacher hob in ihrer Kommentierung des Konzepts der Care-Ökonomie hervor, dass eine Sorge-Perspektive sich nicht auf unbezahlte Arbeit im Privathaushalt beschränken dürfe und verschiedene Dimensionen des Sorgens - des Versorgens, der Fürsorge sowie der Vorsorge - konzeptionell zu unterscheiden habe. Im Anschluss an Knobloch betonte auch Aulenbacher, dass anzustreben sei, das Sorgen als das Allgemeine und marktvermittelte Aktivität als das Besondere zu betrachten. Darauf rekurrierend, dass Konfigurationen bezahlter und unbezahlter Arbeit nie statisch, sondern stets in Bewegung (gewesen) seien, unterstrich sie, dass eine entsprechende Umkehr und Umwertung durchaus im Bereich des Denkbaren seien. Mehrfach wurde in der anschließenden Debatte betont, dass zu entscheiden und auszuhandeln sei, welche Art von Arbeit in welcher Weise gesellschaftlich anerkannt werden soll, und wie die Konfigurationen von bezahlter und unbezahlter Arbeit in Hinblick auf Fragen der Gleichheit und Gerechtigkeit zu bewerten sind. Zentral für die Diskussion von Postwachstumsperspektiven war schließlich auch der Hinweis, dass gerade durch die Verlagerung von Arbeit und konkreten Leistungen in die "offizielle Statistik", in der Regel also der Monetarisierung zuvor unbezahlter Arbeit, "Pseudowachstum" erzeugt werde.

In der Kommentierung des Beitrags von Niko Paech merkte Stephan Lorenz an, dass Paech möglicherweise nicht hinreichend zwischen konkreten Wettbewerbsstrategien einerseits und systemisch bedingten Wachstumsmotoren differenziere. Auch stellte er zur Debatte, ob es nicht präziser sei, die spezifische Konfiguration des Produktivismus und Industrialismus im Hinblick auf Wachstumsdynamiken in den Blick zu nehmen, statt allgemein von Kapitalismus zu sprechen. In diesem Zusammenhang warf er die Frage auf, wo und inwiefern Subsistenz tatsächlich ein Substitut für industrielle Produktion(szweige) sein könne. Als ebenfalls zentral und kontrovers für die Debatte erwies sich die Frage nach den TrägerInnen und ProtagonistInnen einer Postwachstumsökonomie sowie deren demokratischer Regulierung, die - so die Kritik - von Paech vernachlässigt werde. Paech plädiert in seinem Paper dafür, davon Abstand zu nehmen "die Menschen dort abzuholen wo sie sind", da dies nur auf eine Zementierung des zeitgenössischen Wohlstandsmodells hinauslaufen würde, und schlägt stattdessen die Orientierung an einer an einer Avantgarde vor, die mit Versorgungspraktiken einer Postwachstumsökonomie experimentiert bzw. experimentieren könne - ein Vorschlag, dessen demokratiepolitische Implikationen kontrovers debattiert wurden. In seiner Kommentierung des Beitrags von Karl Georg Zinn sah Tilman Reitz den Vorteil dieser Keynes-Lesart darin, dass die Diagnose eine innerökonomische Fundierung politischer Ziele ermöglichen könne, indem das ökonomisch Unabdingbare (die Stagnation) zugleich das ökologisch Wünschenswerte sei. In diesem Zusammenhang warf Reitz die Frage auf, ob das von Zinn mit Keynes entworfene Szenario eines "Goldenen Zeitalters" nach dem Wachstum, also eines Systems, das sich in der Stagnation einrichtet, eigentlich noch als Kapitalismus zu bezeichnen sei. Da Zinn (neben der Negativvision eines neuen Feudalismus) ein Positivszenario für dieses Zeitalter entwirft, das auf eine Abschaffung des Zinses durch Entmutigung der Spartätigkeit hinausläuft, stellte der Kommentator die Frage, ob nur die Zinsen oder auch die Profite abgeschafft würden - was zurück zur Frage führte, ob man es noch mit einem kapitalistischen System zu tun hätte. Zinn verwies in der Debatte darauf, dass der Zins als abgeleitete Größe des Profits zu begreifen sei, und unterstrich die Nähe der Keynes'schen Langfristperspektive zur Marx'schen Diagnose des tendenziellen Falls der Profitrate. Auch in Bezug auf das "Goldene Zeitalter" nach dem Wachstum spielte die Frage nach TrägerInnen einer Bewegung, die in diese Richtung weist, eine zentrale Rolle. Weiterer Gegenstand der Debatte war schließlich die Frage, wie sich die Langfriststrategie zu den keynesianisch inspirierten Kurzzeitstrategien verhalte, die im antizyklischen Steuerungsmodus durchaus auf nachfrageinduziertes Wachstum setzten.

In der Bezugnahme der Ansätze aufeinander entwickelte sich eine zentrale Konfliktlinie entlang der Positionen von Zinn und Paech: Paech wies die Diagnose einer notwendigen endogenen Abschwächung des wirtschaftlichen Wachstums grundsätzlich zurück und merkte an, dass auch jenseits von Kriegen umfassende Kapitalzerstörung möglich sei, die einen Neuaufbau und damit eine Ankurbelung des Wachstums ermögliche. Durch die in der Konsumgesellschaft permanent erzeugten Bedürfnisse werde es zu keiner langfristigen Stagnation kommen. Zentraler Ansatzpunkt sei deshalb unter anderem eine umfassende Bedürfnis- und Anspruchsreduktion, die gestaltet und ausgehalten werden müsse, weshalb die Diskussion um Postwachstum um die "Lebensstilfrage" nicht herum komme. Zinn entgegnete, dass auch Prozesse partieller Zerstörung sowie die Erzeugung neuer Bedürfnisse die langfristige Tendenz der Stagnation nicht aushebeln würden und ergänzte in diesem Zusammenhang, dass es für eine (soziale) Gestaltung des Prozesses im Sinne des von ihm entworfenen Positivszenarios von zentraler Bedeutung sei, dass die Stagnation nicht allzu schnell von statten gehe.

Brigitte Aulenbacher

Mit Blick auf das Konzept der Sorgeökonomie problematisierte Paech die Technisierung von Sorgearbeit und unterstrich die Notwendigkeit, die Kapitalbedürftigkeit der Gesellschaft in allen Bereichen zu senken. In der Debatte wurde die damit stark gemachte De-Technisierung sowohl im Bereich unbezahlter Arbeit als auch im Hinblick auf die gesellschaftliche Arbeitsteilung bezahlter Arbeit problematisiert, gingen doch mit der Reduktion des Arbeitsvolumens durch Technik sowie durch Arbeitsteilung auch emanzipatorische und entlastende Effekte einher. Kritisch angemerkt wurde in diesem Zusammenhang auch die Frage, ob eine radikale Politik der Ent-Differenzierung und der partiellen Rückkehr zur Subsistenz in einer von bald 9 Milliarden Menschen bewohnten Welt überhaupt möglich und wünschenswert sei. Problematisiert wurde ferner, ob unter den bestehenden Machtverhältnissen nicht eine Verlagerung nicht-monetärer, durch De-Technisierung im Volumen ansteigender Arbeit, zurück in die Familie wahrscheinlich und damit eine Stabilisierung bestehender geschlechtsspezifischer Machtverhältnisse zu befürchten sei. Kontrovers debattiert wurde schließlich auch darüber, dass eine allein auf die Reduktion von Kapitalbedürftigkeit und die Frage der Produktivität zielende Postwachstumsperspektive zentrale andere Fragen, wie die der Arbeitsbedingungen und der Verteilung der Lasten der Anspruchsreduktion vernachlässige.

Im Hinblick auf alle drei Konzepte - die Sorgeökonomie, die Postwachstumsökonomie sowie die langfristige Stagnation - kehrte die Debatte immer wieder zu der Frage zurück, welche sozialen Kräfte und Bewegungen die avisierten, in unterschiedlicher Weise als wünschenswert oder zwangsläufig gerahmten Entwicklungen vorantreiben, tragen und gestalten könnten.


Session 4: Abschlussdebattte

Zu Beginn der Abschlussdiskussion wurden die noch anwesenden ReferentInnen (Lutz Eichler, Ulrike Knobloch, Stefan Meißner, Niko Paech und Karl Georg Zinn) gebeten, im Sinne eines Fazits und Ausblicks ihre Perspektive auf zukünftige gesellschaftliche Entwicklungen - insbesondere im Hinblick auf das Verhältnis von Wirtschaft, Staat und Wachstum - zu skizzieren. Die Beantwortung der durch die Moderation hierzu formulierten Frage "Wie wird die Welt in 30 Jahren aussehen?" zeigte, dass die Einschätzungen der meisten Beteiligten in der Annahme inhärent dauerhafter Beziehungen zwischen ökonomischem Wachstum, zunehmendem Ressourcenverbrauch und kapitalistischen Funktionsprinzipien konvergierten - kurz: kein Kapitalismus ohne Wachstum, keine 'Postwachstumsgesellschaft' im Kapitalismus. Deutliche Divergenzen traten jedoch in der Beurteilung der sozialen Folgen dieser Konstellation hervor. Im Wesentlichen gaben die DiskutantInnen drei (konkurrierende) Prognosen ab: Einer Zuspitzung "innerer Krisen" kapitalistischer Wirtschaftsordnungen zulasten immer weiterer Bevölkerungsgruppen und unter den Bedingungen zunehmender politischer Konflikte mit der Tendenz zum Autoritarismus (Karl Georg Zinn), wurde das Zusammenbrechen der Märkte als "fröhlicher Kollaps" mit der Möglichkeit, Abhängigkeiten des Kapitalismus zu überwinden (Niko Paech), gegenübergestellt. Verschärfte soziale Ungleichheit, ökologischer Niedergang und in der Folge weitere Verwerfungen zwischen Schichten und Gruppierungen, schließlich auch der Ausbruch von Verteilungskriegen (Lutz Eichler) stellten somit zumindest für einen Teil der Referierenden die vorläufig zu erwartende Negativspirale der kommenden Jahrzehnte dar. Konträr hierzu vermittelten die von Ulrike Knobloch und Niko Paech in den Blick genommenen Veränderungen das Bild eines positiven Übergangs: Beide thematisierten - wenn auch aus verschiedenen Blickwinkeln - den zukünftigen Bedeutungsverlust von Lohnarbeit als Ausgangspunkt von Emanzipationsschüben und neuen Chancen für sozial und ökologisch ausbalanciertere Lebensverhältnisse, wobei von Knobloch insbesondere zu erwartende Fortschritte im Bereich der Geschlechterverhältnisse (vor allem Familie und Care-Work), von Paech der Aspekt der Konvivialität ("gesünder leben", "weniger Stress") hervorgehoben wurden.

Gewissermaßen querliegend zu diesen Deutungen, da die Wachstumsproblematik in erster Linie auf Ebene einer historischen Semantik behandelnd, arbeitete Stefan Meißner die Spezifik der systemtheoretischen Analyse heraus. Er prognostizierte einerseits die sukzessive Durchsetzung von modernen, funktional-differenzierten "Basisinstitutionen in immer mehr Ländern" (insbesondere Demokratie und Kapitalismus), andererseits aber auch die Abkopplung dieser Institutionen von der materiellen Wachstumslogik - zumindest für westliche Nationen. Mehr Ungleichheit und mehr Stabilität seien somit im globalen Maßstab das wahrscheinliche Ergebnis.

In der daran anschließenden Diskussion wurde neben Begriffsproblemen (etwa betreffend die Definitionen von Arbeit und Entfremdung) und der Frage nach der Verknüpfung von Geschlechterverhältnissen, alternativen Lebensformen und Postwachstumspraktiken (z.B. Regenbogenfamilie als Möglichkeitsraum urbaner Subsistenz, Gender- und Queer-Economics) ein ausgeprägtes Interesse an der Klärung von drei Aspekten formuliert, die in den kommenden Aktivitäten der Themengruppe "Wachstum und Kapitalismuskritik" besondere Berücksichtigung erfahren sollen:

Kollektivierende Rahmungen bzw. das "Wir" in der Postwachstumsdebatte blenden (1) vielfach Ungleichheiten in Bedingungen und Folgen der skizzierten Krisen - z.B. auf globaler Ebene - und die darin liegenden Konfliktmomente aus. Auch bzw. insbesondere Entwürfe zukünftiger Alternativen müssen sich dieser Problematik stellen. Einhergehend damit wurde (2) das Verhältnis von gesellschaftspolitischer und theoretischer Geltung prognostisch operierender Kritik in ihrer Beziehung zur Praxis problematisiert ('Readjustment' vs. Theoretische Zuspitzung?), was schließlich (3) zu der Frage führte, ob und inwiefern der im Verlauf des Workshops angestoßene Diskussionsprozess selbst als Teil einer Postwachstumspraxis oder als "Ausstieg in den Elfenbeinturm" betrachtet werden müsse. Die Tagung endete vor diesem Hintergrund mit der These, dass Wissenschaft im Hinblick auf die thematisierten Probleme nicht teilnahmslose Beobachterin, sondern "Change-Engine" werden müsse (Paech), in der Vergangenheit jedoch vielfach selbst - im Hinblick auf Publikationszwänge, Projektförderkriterien etc. - zu einer "Industrie" geworden sei und mithin gut beraten sei, sich in ihrem Meinungsführungsanspruch kritisch selbst zu reflektieren.


Das Programm der Tagung finden Sie hier.

Paper zum nachlesen:

Paper - Eichler           Paper - Meissner

Paper Paech               Paper - Zinn