Public Sociology
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Konferenz zu 'Public Sociology': 160 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten über 'Öffentliche Soziologie' und gesellschaftsverändernde Praxis

Am 15. und 16. Januar fand an der Friedrich-Schiller-Universität Jena die von der DFG-Forschergruppe Postwachstumsgesellschaften und dem Institut für Soziologie der Johannes Keppler Universität Linz (Österreich) organisierte Konferenz 'Public Sociology - Wissenschaft und gesellschaftsverändernde Praxis' statt. Die Tagung zielte darauf, das Konzept einer Öffentlichen Soziologie (Public Sociology) der Öffentlichkeit vorzustellen und aus verschiedenen Blickwinkeln mit WissenschaftlerInnen, JournalistInnen, PolitikerInnen und VertreterInnen von Nichtregierungsorganisationen zu diskutieren.

Vor dem Hintergrund der ökonomischen und ökologischen Krisen und Umbrüche unserer Zeit sollte dabei vor allem der Frage nachgegangen werden, ob und wie Wissenschaftler und Praktiker gemeinsam Wege der Veränderung erkunden können.

Michael Burawoy Vortrag Michael Burawoy(University of California Berkeley), der das Konzept einer Public Sociology maßgeblich entwickelt hat, stellte dies in seinem Auftaktvortrag in Abgrenzung zu drei anderen Formen soziologischen Forschens vor - von ihm als 'Professional Sociology', 'Policy Sociology' und 'Critical Sociology' bezeichnet. Brigitte Aulenbacher (Johannes Keppler Universität Linz) richtete den Fokus ihres Vortrags auf die Möglichkeiten einer Öffentlichen Soziologie im Hinblick auf die kapitalistische Reproduktionskrise, sie ging den Möglichkeiten nach, die die Öffentliche Soziologie bietet, um zu thematisieren, dass der Kapitalismus in 'sorgloser' Weise die sozialen und ökologischen Lebensgrundlagen gefährdet. Klaus Dörre präsentierte Überlegungen zu der Frage, ob Öffentliche Soziologie Wege aus der ökonomischen und ökologischen Krise anstoßen kann.

EdwardWebster_MichaelBurawoyEdward Webster (University of Witwatersrand, Johannesburg) und Hans-Jürgen Urban (IG Metall) sprachen über unsichere Beschäftigungsverhältnisse und die Arbeit in und mit Gewerkschaften in Südafrika und Deutschland. Sie zeigten in ihren Vorträgen, was der Dialog zwischen Wissenschaft und zivilgesellschaftlichen Akteuren bewirken kann, machten aber auch Herausforderungen und Grenzen deutlich. Carol Hagemann-White stellte ihre langjährigen Forschungen zu Gewalt gegen Frauen vor und berichtete über die politischen Folgen, die diese Forschungen hatten und haben. Wilhelm Heitmeyer machte sich in seinem Vortrag über seine 10-jährige Forschung zum Zusammenhang zwischen ökonomischen Verhältnissen und der Entwicklung von Vorurteilen mit Nachdruck für eine Öffentliche Soziologie stark. Uwe Schneidewind (Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie), der darüber sprach, wie ein zukunftsfähiges Wissenschaftssystem aussehen kann, das auf gesellschaftliche Umbrüche reagiert, teilte diese Sicht auf die Notwendigkeit eines offenen Dialoges mit außeruniversitär Engagierten für gemeinsame gesellschaftliche Veränderungen.

Auch in den Arbeitsgruppen, die sich anhand verschiedener Themenfelder wie sozialen Bewegungen, der Rolle von Politik und Medien und Umwelt- und Arbeitskonflikten mit den Potentialen und Grenzen bei der Kooperation von Wissenschaft und gesellschaftlichen AkteurInnen befassten, waren interessante Referentinnen und Referenten zu Gast: so sprach u.a. der Thüringer Minister für Kultur, Bundes- und Europaangelegenheiten sowie Chef der Staatskanzlei, Benjamin-Immanuel Hoff, in der Arbeitsgruppe 'Öffentliche Sozialwissenschaften und Politik' gemeinsam mit Madeleine Henfling (Landtagsabgeordnete), Hermann Ott (Wuppertal Institut) und Till van Treeck (Universität Duisburg-Essen) über die Erwartungen der Politik an sozialwissenschaftliche Forschung, Heinz Bude (Universität Kassel) diskutierte mit Oliver Hollenstein (DIE ZEIT), Albrecht von Lucke (Blätter für dt. und internationale Politik) und Stefan Reinecke (taz) über die Rolle der Medien. In einer Arbeitsgruppe zu Wachstumskritik und Sozialen Bewegungen stellte Dennis Eversberg erste Ergebnisse seiner Befragung zur Degrowth-Konferenz vor und diskutierte diese mit Matthias Schmelzer (Universität Genf) und Felicitas Sommer vom Vorbereitungsteam der Degrowth-Konferenz. Steffen Liebig diskutierte am Beispiel des Atlas des Postwachstums mit Brigitte Aulenbacher und Annette Jensen (freie Journalistin) beim Transfer wissenschaftlicher Forschungsergebnisse in ein journalistisches Format entstehenden Reibungspunkte. Über Bedarfe, Möglichkeiten und notwendigen Maßnahmen einer Zusammenarbeit von Wissenschaften und politischen sowie gesellschaftlichen Instanzen im Bereich Commons, der Lebensweise uns der Nachhaltigkeitsforschung debattierten Johannes Euler (Commons Institut), Christoph Görg (Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung), Jens Jetzkowitz (Universität Halle) und Nina Treu (Konzeptwerk Neue Ökonomie).

Im Abschlusspodium wurde zwischen Heinz Bude (Universität Kassel), Ilse Lenz (Ruhr-Universität Bochum), Hans-Peter Müller (HU Berlin), Hans-Jürgen Urban (IG Metall) und Ute Volkmann (Universität Bremen) noch einmal kontrovers die Frage diskutiert, ob es Aufgabe der Soziologie sein kann und soll, sich in dem Maße, wie es die Idee der Public Sociology vorsieht, für Debatten mit Akteuren außerhalb des wissenschaftlichen Feldes zu öffnen oder ob sie so Gefahr läuft, ihre wissenschaftlichen Ansprüche zumindest in Teilen aufzugeben und so zu einer Interessenvertreterin zu werden.