Leben im Postwachstum. Von neuen Dilemmata und veränderten Risiken, vom widerständigen Eigensinn und von anderen Bezugnahmen auf die Dinge des Lebens
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Leben im Postwachstum. Von neuen Dilemmata und veränderten Risiken, vom widerständigen Eigensinn und von anderen Bezugnahmen auf die Dinge des Lebens

Am 4. und 5. März trafen sich im Kolleg "Postwachstumsgesellschaften" Forscherinnen und Forscher, um im Rahmen des Workshops 'Lebenslauf und Biographie in der Postwachstumsgesellschaft' die Frage zu diskutieren, ob und wie sich Postwachstumsgesellschaften anhand von Lebensverlaufsmustern und biographischen Formen der Selbstbeschreibung charakterisieren lassen. Dabei knüpfte die Diskussion sowohl an soziologischen Ansätzen an, die Lebensverläufe als politisch-ökonomisch insbesondere durch wohlfahrtstaatliche Institutionen beeinflusste Regime auffasst als auch an biographieanalytischen Forschungen, die sich mit Lebensorientierungen als Ausdruck kultureller und sozialmoralischer Bezüge der Lebensführung interpretieren. 

Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Workshop ‚Lebenslauf und Biographie in der Postwachstumsgesellschaft‘

Eingeleitet wurde der Workshop durch einen Vortrag von Steffen Mau (Universität Bremen), der sich mit einigen Dilemmata von Mittelschichtsgesellschaften auseinandersetzte. Wie von den um die Erwerbstätigkeit herum institutionalisierten Lebensläufen sollen auch von den Mittelschichten normalisierende Funktionen ausgehen. Wie die modernen institutionalisierten Lebenslaufregime bilden sich auch die Mittelschichten erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als für die Lebensführung maßgebende soziale Schicht aus, von der das Bild eines Normalentwurfs ausgehen konnte, der im Prinzip jeder/m offen steht. Damit wurde die Behaglichkeit ausstrahlende Mittelschichtexistenz zu einem jedem Individuum offen stehenden Entwurf, der ein Leben in Wohlstand und Sicherheit anbot.

Steffen Mau

Mittelschichten sind nach einem Vorschlag von Gottschall, Huinink, Mau und Schimank Personengruppen mit mittleren Einkommen und einem statusinvestiven Modell der Lebensführung. Aufgrund dieses Modells seien sie sowohl BürgerInnen als auch AnlegerInnen. Genau aus dieser biographischen Doppelorientierung ergeben sich für Mau auch die entscheidenden Dilemmata in der Existenzweise von Mittelschichten. Als BürgerInnen sind sie wesentlich auf einen intakten Staat angewiesen, der die allgemeinen, politischen und sozialen Rechte (sensu Marshall) der BürgerInnen sichert. Als AnlegerInnen scheuen sie jedoch die Investition in kollektive Güter. Insofern ließe sich nach Mau zeigen, dass Angehörige der Mittelschichten von Transferleistungen des Wohlfahrtstaates profitieren, sich diskursiv jedoch häufig als VerliererInnen oder Ausgebeutete des Sozial- bzw. Steuerstaats inszenierten.
Die Mittelschichtskonstellation gerät jedoch unter Druck, wenn Wachstumsgesellschaften in stagnierende Phasen geraten. Dies sei derzeit für europäisch-westliche Gesellschaften der Fall, jedoch nicht für die globale Entwicklung (China, Russland, Golfstaaten).
Die Aktivierung der Mittelschichten als BürgerInnen ist dabei zugleich von biographischen Erwartungssicherheiten abhängig, die sich auf zentrale Übergänge im Lebensverlauf beziehen.

Dies leitet über zur Frage nach den Lebenslaufregimen. Hier führte Ute Klammer (Universität Duisburg-Essen) aus, inwiefern die "Lebensverlaufsperspektive als Referenzrahmen für eine geschlechter- und familiengerechte Gestaltung von Sozialpolitik" betrachtet werden kann. Bestimmte Lebensereignisse können nämlich je nach ihrer sozialen Kontextuierung und biographischen Platzierung "kumulative Nachteile" hervorrufen. So weist Familienbildung in bestimmten Konstellationen ein erhöhtes Scheidungsrisiko auf, dass vermittelt über alleinerziehende Elternschaft insbesondere Frauen (und deren Kinder) überzufällig häufig in Situationen der Armut bringt.

Ute Klammerer

Ralf K. Himmelreicher







Auf ähnliche Weise beschäftigte sich Ralf K. Himmelreicher (Universität Dortmund) mit Zusammenhängen bestimmter lebenslanger Erwerbsmuster und deren Risiko der Verarmung im Alter. Diese Fragestellung wird in den nächsten Jahrzehnten insbesondere für die geburtenstarken Jahrgänge der Baby Boomer (1960-67) in Deutschland wichtig sein, lässt sich aber auch schon an den vollständig vorliegenden Erwerbslebensläufen älterer Geburtskohorten (hier: den 1940-1945 Geborenen) illustrieren. Nach Himmelreicher zeigen sich nämlich deutliche Unterschiede in den Dauern der Erwerbstätigkeit, die durch späteren Berufseinstieg (etwa bei Hochqualifizierten), früherem Berufsausstieg (etwa Erwerbsminderungsrenten) oder Erwerbsunterbrechungen (vor allem Mütter) beobachten lassen. Über die Einstiegs-, Ausstiegs- und Unterbrechungsmuster ließen sich jeweils spezifische Risikogruppen für Altersarmut identifizieren.
Die Vorträge von Klammer und Himmelreicher veranschaulichten somit wie Lebensverlaufsmuster als Regime und als Statuspassagen mit erhöhten Risiken sozialer Ungleichheit einhergehen.

Stephan Voswinkel und Stefanie Hürtgen Am Nachmittag stellten Stefanie Hürtgen und Stephan Voswinkel von der Universität Frankfurt/Main Ergebnisse aus ihrer Studie "Anspruchslogiken der Arbeitnehmermitte" dar. Im Wesentlichen zeigten die Befunde folgende Doppelstruktur: Trotz des gestiegenen Flexiblisierungs- und Leistungsdrucks in Arbeitssituationen hielten die befragten Personen aus der Arbeitnehmermitte normativ an Ansprüchen der Qualität der Arbeitssituation fest, die nach Hürtgen/Voswinkel von den Befragten auf den drei Ebenen der sachlichen, der leiblich-emotionalen und der sozialen Merkmalen von Arbeit artikuliert wurden. Während somit eine stabile normative Anspruchshaltung als Potenzial der Resistenz festgestellt wurde, zeigte sich eine gewisse Tendenz zur Destabilisierung der Arbeitnehmerhaltungen in der Selbsteinordnung als "Sonderfälle". ArbeiternehmerInnen der Mitte sehen sich somit immer weniger als Ausdruck von Normalität, sondern von einer (durchaus auch privilegierten) Sonderstellung. Dies rückt die ArbeitnehmerInnen durchaus in eine defensive Rolle der vermeintlichen "BesitzstandswahrerInnen".

Michael Corsten (Universität Hildesheim), der den Workshop maßgeblich organisiert hatte, wies in seiner Zwischenbetrachtung am Nachmittag darauf hin, Michael Corstendass die bisherigen Analysen eine Erklärungslücke aufwiesen, die sich im Übergang von den Lebenschancen zu Lebensorientierungen und von da aus zu gesellschaftlich verallgemeinerungsfähigen Lebensdevisen zeigten. Ginge man von gegebenen Lebensbildern aus (wie z.B. Leben als Überlebenskampf im Großstadtdschungel, Leben als Korken im sich schlängelnden Bach der gesellschaftlichen Entwicklung), dann seien solche Orientierungen durchaus sinnkompatibel mit unterschiedlichen Chancenlagen. Umgekehrt entwickelten Akteure mit gleichen Lebenschancen durchaus auch unterschiedliche Lebensorientierungen.
Wenn somit der Ausgangspunkt einer Diagnose von Postwachstumsgesellschaften in den Chancenstrukturen stagnierender Ökonomien liege, dann folgten daraus zwar unterscheidbare Muster der Lebenslaufrisiken für verschiedene soziale Schichten, allerdings müssten diese Chancenlagen (als biographische Challenges verstanden) nicht jeweils mit den gleichen Orientierungen als Responses beantwortet werden. Suchten SozialforscherInnen insofern nach Lebensdevisen (wie z.B. "nichts aus sich machen" oder "Leben im Futur II Konjunktiv"), die für Postwachstumsgesellschaften typisch sein könnten, dann nehmen diese nicht zwingend ihren Ausgang in spezifischen Konstellationen.

Hartmut Rosa und Stefan KrankenhagenAbschließend zog Stefan Krankenhagen (Universität Hildesheim) mit seinem Vortrag zu den "Dingen der Postwachstumkultur" nochmals eine andere Betrachtungsebene ein. Ausgehend von Daniel Millers Studie zum "Trost der Dinge" (engl. comfort of things) fragte er einerseits nach der biographischen Relevanz der Dinge als ständige Begleiter des alltäglichen Lebens, aber auch andererseits nach Veränderungen der mit den Dingen einhergehenden Relationen.

Dazu unterschied Krankenhagen "serielle Originale", "reflexive Fetische" und "relationale Objekte". Alle drei Varianten lassen sich mit einer Interpretation der gegenwärtigen Kultur als Postwachstumskultur verknüpfen. Als serielles Original können Dinge, die zwar - wie alle Massenwaren - Produkte industrieller Fertigung sind, die Aura des Echten und Besonderen evozieren. Als reflexive Fetische klären uns die Waren minutiös über Einzelheiten ihres Warencharakters auf, den sie bis in die Offenlegung der Gewinnmargen zu zelebrieren vermögen. Diese beiden ersten Formen lassen sich als selbstbezügliche Fortschritte der Warenproduktion interpretieren. Die dritte Form hingegen findet sich im dekommodifizierten Bereich der musealen Beschäftigung mit den Dingen. Hierbei entwickeln neuere Praktiken des Austauschs von Dingen im Museum Handlungs- und Zirkulationsketten, die im Geben - Nehmen - Erwidern an die sequentielle Struktur des Gabentauschs (Potlach) erinnern.
Für Krankenhagen ist dabei allerdings die Auflösung bzw. Erweiterung der epistemischen Haltung zu den Dingen entscheidend. Jeder Bezugnahme auf Dinge wohnt ein nicht zu tilgendes Moment von Entfremdung (von Fremdheit) inne. Diese Fremdheit werde jedoch im Modus der "relationalen Objekte" als eine "Beziehung der Beziehungslosigkeit" praktiziert, die dann in den Weisen des Tuns, des Umgangs mit den Dingen aufgehoben werde.
Krankenhagen stellte in Aussicht, dass von diesen neuartigen Dingverhältnissen womöglich eine Spur für Problemlösungen ausgehen könnte.