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Kritische Soziologie trifft Critical Realism: drei Tage reger Austausch in Jena

Stephan Lessenich, Dekan der Fakultät der Sozial- und Verhaltenswissenschaften und Urs Lindner, Dimitri Mader und Hans Pühretmayer bei der Eröffnung der KonferenzDie Konferenz Kritische Soziologie Meets Critical Realism. A Dialogue between Social Research, Social Theory and Philosphy of Science, die vom 01.-03. Februar 2013 von Dimitri Mader (Kolleg Postwachstumsgesellschaften/FSU Jena) in Zusammenarbeit mit Urs Lindner (ETH Zürich) an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ausgerichtet wurde, ging das Experiment ein, Vertreter_innen des Critical Realism mit kritischen Soziolog_innen ins Gespräch zu bringen.

Der Critical Realism, der seit den 1970er Jahren eine wissenschaftstheoretische Grundposition jenseits von Positivismus und Hermeneutik entwickelt, hat in Großbritannien und vielen anderen Ländern mittlerweile einen festen Platz in der Wissenschaftslandschaft. Er wird in den deutschsprachigen Sozialwissenschaften allerdings bis dato wenig rezipiert. Über drei Tage hinweg wurden daher erstmalig disziplinenübergreifend die analytischen Stärken und Schwächen des Ansatzes intensiv diskutiert.

ReferentInnen und KonferenzbesucherInnen. Erste Reihe: Clive Spash, Steve Fleetwood, Dave Elder-Vass, Andrew Sayer (v.l.n.r.)In den Dialog traten Dave Elder-Vass (Loughborough University) mit David Strecker (FSU Jena), Clive Spash (WU Wien) mit Barbara Muraca (FSU Jena), Sue Clegg (Leeds Metropolitan University) mit Ina Kerner (HU Berlin), Andrew Sayer (Lancaster University) mit Robin Celikates (Universiteit Van Amsterdam), Steve Fleetwood (Lancaster University Management School) mit Frieder Otto Wolf (FU Berlin) und abschließend Hartmut Rosa (FSU Jena) mit Andrew Sayer und Dave Elder-Vass. Zusätzlich loteten individuelle Präsentationen von Hartwig Schuck (Berlin), Heiner Koch (Tübingen), Georg Gangl (Leiden) und Elmar Flatschart (Wien) das Erweiterungspotenzial und die Kritik am Critical Realism aus.

Die Konferenz zeigte, dass drei Charakteristika des Critical Realism für die Kritische Soziologie von besonderem Interesse sind: Zum einen die explizite Sozialontologie, die versucht, die in sozialwissenschaftlichen Forschungen und Theorien oft nur impliziten Annahmen über die grundlegenden Eigenschaften des Sozialen, wie soziale Strukturen und Mechanismen, Kultur und Akteure sowie deren Zusammenhang zu beschreiben und sichtbar zu machen. Der Critical Realism schlägt einen theoretischen Rahmen vor, der soziale und kulturelle Strukturen zugleich als emergent, d.h. mit kausaler Wirkmacht ausgestattet, als auch als abhängig von den Praktiken der Akteure denkt. Zum anderen ein Konzept von Handlungsfähigkeit, mit dem sich nicht nur die Bedingtheit und Relationalität sozialen Handelns, sondern auch die Reflexivitäts-, Kritik- und Veränderungspotentiale der Alltagsakteure theoretisch erfassen lassen. Und zum dritten ein theoretischer Rahmen für die Kritik sozialer Verhältnisse, dessen allgemeinstes Merkmal eine Infragestellung der strikten Trennung von Fakten und Werten bzw. von sozialwissenschaftlicher Erklärung und Kritik ist.

Die Sozialontologie wurde besonders in den Panels mit Elder-Vass und Strecker, sowie Fleetwood und Wolf anhand der Frage diskutiert, inwiefern Theorien der Gesellschaft sowie Zeitdiagnosen von der sozialontologischen Begriffsarbeit des Critical Realism profitieren können bzw. inwiefern diese Grundbegriffe wiederum in konkret-historische Gesellschaftstheorien eingebettet werden müssten. So wurde etwa in Fleetwoods Auseinandersetzung mit der neoklassischen Ökonomietheorie deutlich, dass der Critical Realism dabei helfen kann, die "Konstruktionsfehler" eines bestimmten Theorieparadigmas bereits auf der wissenschaftstheoretischen Ebene aufzuspüren: Im Falle der Neoklassik deren implizite atomistische Ontologie (die Welt besteht aus Einzelereignissen) und empiristische Epistemologie (nur empirische Regelmäßigkeiten von Einzelereignissen gelten als wissenschaftliche Erklärung).

Dave Elder-Vess          Sue Clegg

Die Frage, ob politische Projekte sozialer Transformation wie der Feminismus eine sozialwissenschaftliche Theorie von Handlungsfähigkeit brauchen und wenn ja, wie diese aussehen könnte, wurde zwischen Clegg und Kerner diskutiert. Während Kerner für eine poststrukturalistische Perspektive argumentierte, die den Aspekt der machtvollen Unterwerfung der Subjekte unter soziale Normen akzentuiert, argumentierte Clegg, dass eine feministische Theorie - will sie politisch relevant sein - immer auch in der Lage sein muss, das Potential zu reflexivem und kollektiv-strategischem Handeln angemessen zu fassen. Hierzu biete sich aus Cleggs Sicht Margret Archers Agency-Theorie an.

In dem Panel mit Sayer und Celikates wurden die unterschiedlichen Verständnisse von Kritik, wie sie in einigen neueren Varianten der Kritischen Theorie, bzw. vom Critical Realism vertreten werden, deutlich. Während Sayer einen ethischen Naturalismus vertrat, der eine am Wohlergehen und den Leiderfahrungen sozialer Akteure verankerte Perspektive stark macht, verteidigte Celikates ein prozeduralistisches Vorgehen. Dieses geht zwar auch von der Alltagskritik der Akteure aus, stellt allerdings nicht wie Sayer ein Konzept des guten Lebens, sondern die sozialen Bedingungen für ein gleichberechtigtes Formulieren von Kritik in den Mittelpunkt. Hier schloss sich auch die Frage an, inwiefern sich diese beiden Kritikmodi sinnvoll verbinden lassen.

In der Abschlussdiskussion, die dem Anliegen Rosas folgte, seine Beschleunigungstheorie mit Margaret Archers morphogenetischem Ansatz in Beziehung zu setzen, kam es zu interessanten Annäherungen: sowohl hinsichtlich seiner sozialtheoretischen als auch zeitdiagostischen Überlegungen entdeckte Rosa große Konvergenzen zu Archers neueren Arbeiten. Auch mit Sayers ethisch-naturalistischem Kritikmodell zeigte sich Rosa sehr verbunden.