Jenaer Dialog - Arbeit(en) in Europa
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Wissenschaft und Politik diskutieren Leitbilder für gute Arbeit

Jenaer Dialog - Zukunft der ArbeitAm 26. und 27. Juni 2013 fand im Volkshaus Jena die vom Lehrstuhl für Industriesoziologie der Universität Jena, dem Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Technologie sowie der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie organisierte Tagung "Jenaer Dialog - Arbeit(en) in Europa" statt.


Nach der Eröffnung der Tagung durch Jenas Oberbürgermeister Albrecht Schröter betonte Matthias Machnig, Thüringer Minister für Arbeit, Wirtschaft und Technologie, in seinem Vortrag 'Neue Ordnung für die Arbeit' die Bedeutung eines kontinuierlichen Dialogs zwischen Politik, Wissenschaft und Arbeitswelt, um gemeinsam und nachhaltig auf die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt reagieren zu können. Nur im Austausch mit allen gesellschaftlichen Instanzen sei die politische Herausforderung einer neuen Ordnung für die Arbeit realisierbar.


Anschließend zeichnete Klaus Dörre (Universität Jena) in seinem Vortrag 'Europas Krise der Arbeit - gibt es Auswege?' die gegenwärtige Debatte zur Krise in Europa nach und stellte in sieben Thesen die Transformationen dar, denen sich aus seiner Sicht Arbeit in Deutschland und Europa aktuell ausgesetzt sieht. Vor dem Hintergrund zunehmender Flexibilisierung und Transnationalisierung komme es zu einer Neuzusammensetzung gesellschaftlicher Arbeit - wobei bezahlte Erwerbsarbeit nur eine Form sei -, die der Steigerungslogik eines rigiden Wettbewerbssystems unterstellt sei. Deutschland entwickele sich zu einer "prekären Vollerwerbsgesellschaft" und kann deswegen weder Vor- noch Leitbild für die in die Krise geratenen europäischen Länder sein. Vielmehr wäre insgesamt ein Leitbild ökologisch und sozial nachhaltiger, demokratisch verfasster Arbeit notwendig.


Erik Olin WrightIn seinem Vortrag 'Dilemmas of Work in the 21st Century: Why a Market-Dominated System of Allocating Work and Income is Incompatible with Justice and Environmental Sustainability' ging Erik Olin Wright (University of Wisconsin-Madison) der Frage nach, wann und in welchen Bereichen gute, d.h. gut bezahlte und sozial abgesicherte, Arbeitsplätze in den letzten 50 Jahren entstanden sind und heute noch entstehen. Sein Befund für die USA lautete: Insbesondere in den letzten 20 Jahren sind in Zeiten wirtschaftlichen Wachstums Arbeitsplatzzuwächse vor allem in den obersten und den untersten Lohnsegmenten zu verzeichnen, im mittleren Lohnsegment wurden Arbeitsplätze nur in geringem Umfang geschaffen. Daraus schlussfolgerte Wright, dass privatwirtschaftliche Unternehmen nur sehr begrenzt in der Lage sind, qualitativ hochwertige Arbeit anzubieten. Außerdem garantiere eine gute Ausbildung allein nicht automatisch eine gute Arbeit, stattdessen schaffe ein höheres Angebot an qualifizierten Arbeitskräften erst einmal mehr Wettbewerb unter Besser- und Hochqualifizierten und führe damit zu sinkenden Löhnen und einer zunehmenden Beschäftigung von Menschen unterhalb ihres Qualifikationsniveaus. Daher schlägt Wright als Alternative einen Dreiklang aus Arbeitsplatzzuwächsen im öffentlichen Dienst, einer solidarischen Ökonomie und einem bedingungslosen Grundeinkommen vor. Arbeitsplätze im öffentlichen Dienst haben danach den Vorteil, dass Anzahl der Arbeitsplätze genauso wie Arbeitsbedingungen und Arbeitsinhalte direktem politischen Einfluss unterliegen und gestaltet werden können. Im zweiten Baustein, einer solidarischen Ökonomie, fungieren vor allem Kooperativen und gemeinnützige Unternehmen als Arbeitgeber und die Arbeit steht im Dienst der Menschen. Da Profiterwirtschaftung nicht den Mittelpunkt bildet, entstehen Spielräume zur Gestaltung der Arbeitsbedingungen. Das bedingungslose Grundeinkommen sichere Menschen darüber hinaus in ihren Grundbedürfnissen ab und eröffne ihnen so die Möglichkeit, ihre Berufswünsche trotz geringer Einkommenschancen zu verwirklichen, Neues auszuprobieren oder Unternehmen kollektiv zu führen. Damit löst sich laut Wright die gesellschaftliche Abhängigkeit (und Erpressbarkeit) von kapitalistischen Unternehmen, da so Arbeitsplätze in großem Maßstab auch anders geschaffen werden können als durch die Privatwirtschaft.

Im daran anschließenden ersten Panel "Neue Belastungen für die Arbeitswelt" diskutierten nach einer Einführung von Nico Dragano (Universität Düsseldorf) zu "Neue und alte Belastungen für die Gesundheit der Beschäftigten in Europa" Norbert Breutmann, Bundesverband Deutscher Arbeitgeberverbände, Andrea Fergen von der IG Metall, Stefanie Graefe (Universität Jena), Ralf Kronig, Betriebsrat von SAP, und Frederic Speidel, politischer Sekretär der IG Metall Wolfsburg und Soziologe über die Veränderung der gesundheitlichen Belastungen von ArbeitnehmerInnen und deren Folgen.


Zum Abschluss des ersten Konferenztages eröffnete Paul Windolf (Universität Trier) mit einem Vortrag zum Thema "Aufstieg und Auflösung der 'Deutschland AG': 1896-2010" eine finanzmarktkapitalistische Perspektive. Während die Deutschland AG in den 1990er Jahren als ein negativ behaftetes Synonym für die Verflechtungen großer Unternehmen galt, ist die tatsächliche Vernetzungsdichte in Deutschland seit 1928 ähnlich wie in den USA und in Frankreich stark zurückgegangen, da es inzwischen andere Stellschrauben mit geringeren Risiken gebe. Der Auflösung nationaler Netzwerke stehe die Bedeutung globaler Verflechtungen und anonymer Eigentümer und Investoren gegenüber. Damit entspräche die Auflösung der Deutschland AG als nationalem Netzwerk auch dem Verlust von Koordinations- und Kontrollfunktionen, wodurch die Minimalstandards des ehrbaren Kaufmannes verloren gegangen seien.


Der zweite Tag der Konferenz begann mit einem Beitrag von Edward Webster (University of the Witwatersrand Johannesburg) zu "Labour After Globalization: New Forms of Organisation and New Forms of Work". Webster konstatierte zu Anfang, dass die Bedeutung der Gewerkschaften gemessen an ihren Mitgliedszahlen weltweit sinke, gleichzeitig jedoch in den letzten Jahren ein Boom in sozialwissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema Arbeit zu verzeichnen ist. Dieser scheinbare Gegensatz löse sich wie folgt auf: Neue Gruppen, die bisher nur an den Rändern wahrnehmbar waren, kommen zunehmend in den Blick der Arbeitssoziologie, so z.B. EinwandererInnen, Frauen und Nicht-Weiße (People of Color). Diese fühlten sich laut Webster zum einen oft schon aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Nationalität und/oder ihres Geschlechts nicht durch Gewerkschaften vertreten, die lange den männlichen weißen Arbeiter als Kernklientel verstanden, und arbeiteten zum anderen oft in informellen oder prekären Beschäftigungsverhältnissen, in denen gewerkschaftliche Organisation meist fehle. Durch die damit verbundene Auflösung der traditionellen gewerkschaftlich regulierten Arbeitsbeziehungen komme es zu Verschiebungen innerhalb der Machtkonstellationen Klaus Dörre & Edward Websterzwischen Arbeitgebern und ArbeiterInnen. Traditionelle Machtkonstellationen, die Webster nach Erik Olin Wright als "structural power" und "associational power" bezeichnet, bestehen zwar durchaus und weiter und können bestimmten Situationen sogar noch zunehmen, z.B. durch die schiere Menge der ArbeiterInnen in einem Gewerbe, die massenhaft politische Unterstützung entziehen können, oder den enormen Termindruck in globalisierten Wirtschaftsbereichen, der Arbeitsniederlegungen schnell teuer werden lässt. Aber nach Webster sind neue Formen der Macht hinzugekommen. Die erste nennt er "logistical power" und bezeichnet damit die Macht der ArbeiterInnen, durch Besetzungen zentraler Orte (Straßen etc.) die reibungslose Versorgung von Ballungsräumen zu boykottieren. Die zweite Machtform ist "moral power" und umfasst die Nutzung von Medien und sozialen Netzwerken zur Erzeugung einer öffentlichen Empörung, an der sich viele beteiligen, die sonst keinen Bezug zu einer bestimmten Berufsgruppe und deren Arbeitsbedingungen hätten. In Anbetracht der Vielzahl der Veränderungen, die die Arbeitssoziologie beobachtet, ist für Webster eine Frage zentral: Wird es einen Wandel innerhalb der Gewerkschaften geben, um sich an die veränderten, instabileren Arbeitsbedingungen in weiten Teilen der Welt anzupassen oder wird eine neue Arbeiterbewegung außerhalb der Gewerkschaften die Alternative sein?


Im Anschluss an Websters Vortrag fanden zwei parallele Diskussionsrunden statt: Im Panel "Soziale Konflikte - alte und neue Akteure in Europa" stellten Steffen Lehndorff (IAQ Universität Duisburg-Essen), James Wickham (Trinity College Dublin), Josep Banyuls Llopis (Universitat de Valencia) und Maria Markantonatou (University of the Aegean) die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzkrise in Deutschland, Irland, Spanien und Griechenland vor. Die verschiedenen Inputs kommentierten Wolfgang Uellenberg-van Daven (Bundesgeschäftsstelle Ver.di) und Hans-Jürgen Urban (Vorstand IG Metall).


Das Panel "Neue Ordnung auf dem Arbeitsmarkt: Regulierung, Qualifizierung und Gute Arbeit" begann mit zwei Inputs: Gerhard Bosch (IAQ Universität Duisburg-Essen) sprach zur "Neuordnung des deutschen Arbeitsmarktes" und Martin Baethge (SOFI Universität Göttingen) zum "Deutschen Qualifizierungsmodell vor neuen Herausforderungen". Sie konstatierten zum einen einen verfestigten Niedriglohnsektor, dem u.a. ein allgemeiner Mindestlohn und eine Stabilisierung des Tarifsystems entgegenzusetzen sei (Bosch), und zum anderen einen rasanten Rückgang in der beruflichen Ausbildung aufgrund der wachsenden Bedeutung eines Hochschulabschlusses, der das deutsche Produktionsmodell, dessen zentraler Pfeiler die duale Ausbildung sei, potentiell gefährde (Baethge). Im Anschluss diskutierten beide Referenten mit Kerstin Jürgens (Universität Kassel) und Olaf Struck (Universität Bamberg) u.a. über bessere Vereinbarkeiten von Beruf und privatem und sozialem Leben und Fragen des Fachkräftemangels sowie Jugendliche ohne Berufsausbildung.


Francois DubetDer anschließende Vortrag Francois Dubets (Universität Bordeaux) "De l'égalité des places à l'égalité des chances: les mutations des représentations du travail (Von der Positions- zur Chancengleichheit. Die veränderte gesellschaftliche Repräsentation von Arbeit)" ging der Frage nach, wie sich Gerechtigkeits- und Gleichheitsvorstellungen der westlichen Gesellschaften in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Während sich seit dem 19. Jahrhundert ein Verständnis von Gerechtigkeit entwickelt hatte, das Positionsgleichheit als zentrales Moment umfasste, herrscht heute eine Vorstellung von Chancengleichheit vor. Positionsgleichheit bezeichnet dabei den Abbau von Ungleichheiten mit dem Ziel, (vor allem ökonomische) Ungleichheit zu verringern und langsam insgesamt abzubauen. Der Grundgedanke dabei war, dass der gesellschaftliche Wohlstand durch die Arbeiter erwirtschaftet wird und diesen über Mechanismen der Umverteilung auch zu Gute kommen sollte. Die Idee der Chancengleichheit hingegen basiert auf der Überlegung, dass alle die gleiche Chance haben müssten, in höhere soziale Positionen aufzusteigen. Dabei ist Leistung die Währung, die diesen Aufstieg ermöglichen soll. In der Praxis lässt sich laut Dubet dadurch folgendes beobachten: Jede und jeder ist nun selbst für seinen sozialen Aufstieg verantwortlich. Ungleichheiten werden so nicht nur individualisiert, über das Leistungsprinzip werden auch 'gerechte Ungleichheiten' geschaffen: Wer aus den unteren sozialen Positionen nicht aufsteigt, hat sich eben nicht genug angestrengt und braucht daher auch keine kollektive Unterstützung. Das Leben wird so zu einem permanenten Konkurrenzkampf und gerade in der Arbeitswelt (aber auch außerhalb) kommt es zur Zerstörung von Kollektivität und Solidarität. Denn laut Dubet habe sich auch die Überzeugung durchgesetzt, dass der Wettbewerb gerecht ist, so lange er nur fair abläuft, denn jeder hat angeblich die gleiche Chance, zu den GewinnerInnen zu gehören. Dabei werde aber eine entscheidende Beobachtung klar ignoriert: Es verlieren und gewinnen immer die gleichen.


Dubet schlussfolgerte, dass Gesellschaften umso ungleicher werden, je mehr sie an Chancengleichheit glauben, und somit auch die Akzeptanz von sozialer Ungleichheit steigt, da der oder die einzelne sowohl für den sozialen Auf-, aber auch für den Abstieg selbst verantwortlich gemacht wird.


Im Abschlusspanel "Leitbilder für sinnvolle Arbeit" gelang es Brigitte Aulenbacher (Universität Linz), Adelheid Biesecker (Universität Bremen), Gerhard Bosch (IAQ Universität Duisburg-Essen), Klaus Dörre (Universität Jena) und Michael Schumann (SOFI Universität Göttingen) den Brückenschlag zwischen kapitalistischer Krisendynamik und Pathologien der Arbeit in (neuen) Leitbildern für sinnvolles Arbeiten zu bündeln, ohne den Begriff der "Arbeit" unhinterfragt im Raum stehen sowie die politische Umsetzbarkeit und den europäischen und globalen Blick außer Acht zu lassen. Dabei wurde auch deutlich, dass Leitbilder allein nicht ausreichen, um Veränderungen herbeizuführen, vielmehr ist vor allem deren Anwendung und Umsetzung gefragt. Auch wurde gefordert, dass Sorgearbeit und unbezahlte Arbeit - auch mit Blick auf die wachsende Sozialwirtschaft - mehr Berücksichtigung finden, sowie unterstrichen, dass sinnvolle Arbeit mehr als Erwerbsarbeit sei. Klaus Dörre konstatiert dabei zwei Mindestbedingungen für sinnvolle Arbeit: subjektive Befriedigung und gesellschaftlich sinnvoller Einsatz der Arbeitskraft.

Abschlusspanel

Auf Basis der Debatten an den Konferenztagen über die verschiedenen Aspekte der Krise der Arbeit und der Vorschlägen für Auswege und neue Leitbilder wird voraussichtlich im Frühjahr 2014 ein Buch u.a. mit Beiträgen der meisten ReferentInnen erscheinen.

Das vollständige Programm und weitere Hinweise können auf der offiziellen Homepage der Veranstaltung eingesehen werden.

© für die Fotos: Thüringer Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Technologie, Michael Voigt