Readspeaker Menü

"Die Folgen des Klimawandels treffen besonders indigene Frauen im globalen Süden"

Interview mit Dr. Christine Löw zum Expertinnengespräch mit Dr. Friederike Habermann zu Globalisierung, Geschlecht und Gerechtigkeit

Christine LöwFrau Löw, was war Ihre Motivation für das Expertinnengespräch mit Friederike Habermann?
Ausgangspunkt für das Gespräch mit Friederike Habermann ist meine Forschung zu aktuellen Auswirkungen von Klimawandel auf indigene Frauen in Indien, so genannte Adivasi-Frauen. Warum stehen gerade indigene Frauen in Indien im Fokus meiner Analyse? Dies resultiert daher, dass verschiedene feministische Untersuchungen zu gegenwärtigen Veränderungen gezeigt haben, dass Globalisierung verstärkt mit Umweltproblemen in Ländern jenseits des Westens einhergeht. Schaut man sich gezielt die Folgen des Klimawandels an, wird deutlich, dass diese geschlechtsspezifische Dimensionen beinhalten: unregelmäßiger Regenfall, Dürre, Verlust an Biodiversität treffen besonders ländliche Frauen im globalen Süden. In Indien handelt es sich dabei überwiegend um indigene Frauen, die in Wäldern leben und existenziell von natürlichen Ressourcen abhängig sind. Zugleich legen Studien von transnationalen Genderforscherinnen (wie u.a. Gayatri C. Spivak, Bina Agarwal, Vandana Shiva) auch offen, dass eben diese Adivasi-Frauen in großem Maße an Widerstand gegen marktbasierte Umweltschutz- und Entwicklungsprojekte beteiligt sind (Spivak 2000, Agarwal 1992, Shiva 2004). Im Mittelpunkt des Gesprächs standen deshalb Fragen nach Ermächtigung und Handlungsfähigkeit indigener Frauen sowie nach Gerechtigkeit (soziale Gerechtigkeit, Umweltgerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit) als politischem Ziel ihrer Kämpfe.

Was ist das Besondere an den Lebensbedingungen von Adivasis in Indien und in welchem Verhältnis stehen sie zu Umweltschutz?
Um die Situation indigener Gemeinschaften in Indien besser zu verstehen, hier eine kurze Kontextualisierung: bei den Adivasis handelt es sich um 80-100 Millionen Menschen, die sowohl in der säkularen Hierarchie (u.a. Bildung, Einkommen, Besitz) als auch in der rituellen Hierarchie (Kastensystem) gesellschaftlich ganz unten stehen. Sie leben oft in Waldgebieten oder abgelegenen Landesteilen, die mit besonderem Ressourcenreichtum ausgestattet sind. Die Bedeutung natürlicher Ressourcen für das Überleben von indigenen Gemeinschaften ist hoch: beispielsweise liefert Wald Nahrung, Brennholz, Baumaterial, medizinische Kräuter, Viehfutter und stellt den Raum für Erholung sowie Rituale bereit. Der Bestand von Wäldern ist jedoch aufgrund von Abholzung und Plantagenwirtschaft in Indien - wie auch in weiteren Schwellen- und Entwicklungsländern - gefährdet. Hinzu kommt, dass Waldschutz seit 2009 Teil der internationalen Klimaabkommen ist. Da Bäume Kohlenstoff binden, wurden Wälder als Kohlenstoffsenken in die Post-Kyoto-Diskussionen aufgenommen. Ziel ist es, über finanzbasierte Instrumente die Entwaldung in Entwicklungsländern zu reduzieren. Für indigene Gemeinschaften bedeutet diese Form des 'Waldschutzes' jedoch in der Regel die Privatisierung von gemeinschaftlich genutzten Gütern, die Enteignung von Ressourcen, einen erhöhten Ressourcenverbrauch durch umweltschädigende Monokulturen sowie einen Angriff auf ihre Lebens- und Existenzweisen, die eng verknüpft sind mit der Umwelt. Zudem wirken sich derartige Klimaschutzprojekte negativ auf die Rechte von Adivasi-Frauen aus.

Könnten Sie kurz ein Beispiel nennen?
Die Weltbank hat 2006 einen Bericht veröffentlicht, in dem Wälder als potentielle Quellen zur Armutsreduzierung und für ländliches Wachstum benannt werden. Die Publikation enthält ebenfalls konkrete Vorschläge für waldabhängige Kollektive, sich neue Einkommensmöglichkeiten über Ökotourismus und Klimaschutzprojekte zu eröffnen. Dementsprechend wurde die erste CO2-Handelsinitiative für Adivasi-Frauen in Indien im Jahr 2002 in dem Weiler Powerguda im Bundesstaat Andhra Pradesh etabliert. Die Frauen der (indigenen Gruppe der) Gond begannen Plantagen von Pongamia-Pinnata-Bäumen (Indische Buche) auf Waldland und Flächen anzubauen, die auf individuellen Eigentumstiteln basieren. Die indigenen Frauen erhielten eine Biodieselgewinnungsmaschine, um Öl aus den Pongamia-Samen zu extrahieren; angestrebt wurde, erstmals im Jahr 2006 von allen 4.500 neu gepflanzten Pongamia-Bäumen Ölsamen zu ernten. Im Oktober 2003 verkauften die Frauen ein Äquivalent von 147 Tonnen Kohlenstoff in verifizierten Emissionen an die Weltbank, um Emissionen von Flügen und lokalem Transport für die Teilnehmer_innen an einer ihrer Konferenzen in Washington DC auszugleichen. Die Weltbank bezahlte den Frauen Powergudas zusammen insgesamt 645 US-Dollar, indem sie den Anteil an CO2 hochrechnete, der in den nächsten zehn Jahren (2003-2012) verkauft werden würde. Die Verkaufserlöse wurden in die Aufzucht von Pongamia-Setzlingen gesteckt, die auf Feldergrenzen und gemeinschaftlichem Land angebaut wurden. Im Juni 2009 wurde das Scheitern des gesamten Projektes öffentlich, als die Frauen ihr Überleben nicht mehr durch den Anbau von Pongamia-Pflanzen sichern konnten (Ramdas 2009). Während die indische Presse fast einhellig euphorisch über das Projekt berichtete, wiesen kritische basisnahe Veröffentlichungen darauf hin, dass der Anbauprozess nachdrücklich in die Lebens- und Arbeitsgewohnheiten der Adivasi-Frauen eingegriffen hatte, um ein kontinuierliches Angebot an Biodiesel bereitzustellen. Die degradierten Waldgebiete, die ansonsten mit einheimischen Pflanzen zur Erholung angebaut worden wären, und landwirtschaftliche Böden, die Nahrungsmittel wie Sorghum (eine Hirseart) hervorbringen, wurden durch Monokulturen von Pongamia ersetzt, die eine Beschäftigung und regelmäßiges Einkommen versprachen. Zusätzlich waren die Frauen auch für mehrere Jahre davon abgehalten worden, ihr Vieh in den Wäldern zu weiden. Dies führte dazu, dass einige Familien ihre Tiere verkaufen mussten und sich die Abhängigkeit von Pestiziden zur Kultivierung ihrer Pflanzen erhöhte. Schließlich waren die indigenen Frauen auch nicht über die Gründe informiert, weshalb sie das Geld erhielten, und hatten kaum Kenntnis über die Verbindungen zum Emissionshandel und zur Klimapolitik. Obwohl sich der Vorschlag, durch den Anbau von Bäumen Kohlenstoffdioxid-Senken anzulegen und Geld zu verdienen auf den ersten Blick für marginalisierte Frauen gut anhören mag, zeigt das beschriebene Beispiel, in welchem Maße die Lebensweisen, Arbeitsbedingungen und Freiheitsmöglichkeiten von Adivasi-Frauen durch finanzialisierte Klimaschutz- und Armutsbekämpfungsvorhaben eingeschränkt werden.

Wie können neue postkolonial-feministische Ansätze entwickelt werden, die der Vereinnahmung früherer frauenpolitischer Konzepte durch neoliberale Transformationen entgegen zu wirken, ohne Frauen aus dem globalen Süden ihre Handlungsmacht abzusprechen?
Vor dem Hintergrund der genannten abträglichen Folgen der aktuellen Klimaschutzinitiativen für indigene Frauen, sprach sich Habermann dafür aus, das Konzept des Empowerments innerhalb entwicklungspolitischer Projekte genauer zu untersuchen. Empowerment ist ein Konzept, das 1985 von DAWN (Development Alternatives with Women for a New Era), einem feministischen Netzwerk aus dem globalen Süden, entwickelt wurde und die vier Dimensionen 'Macht über', 'Macht zu', 'Macht mit' und 'Macht innerhalb von' enthält. Aus feministischer Sicht bedeutet es für Frauen Zugang zu Entscheidungsprozessen und die Teilhabe an Prozessen, die es Frauen ermöglichen, sich selbst als befähigt für solche Entscheidungen wahrzunehmen. Es korrespondiert mit feministischen Zielen insofern, als es alle Machtstrukturen herausfordert, die Frauen sozio-ökonomisch, rechtlich, kulturell und physisch unterordnen. Sinnvoll sei, so Habermann, für eine feministische Untersuchung, nicht von vornherein anzunehmen, dass Programme, die sich auf das Empowerment von Frauen richten, arme Frauen ausschließlich instrumentalisierten. Vielmehr sollte es darum gehen, zu analysieren, welche Handlungsmöglichkeiten sich für Adivasi-Frauen aus konkreten Maßnahmen und Projekten auftun - aber eben auch, wo sich Begrenzungen ergeben. Angesichts der Öffnung von Entwicklungspolitik im Hinblick auf Frauen und Gender gelte es eben genau zu betrachten, wie Geschlecht bzw. Geschlechterverhältnisse einbezogen werden. Spannend war Habermanns Hinweis darauf, dass DAWN mit Empowerment Weg und Ziel einer umfassenden politischen Vision von weltweiter Entwicklung sowie Gleichberechtigung und Frieden bezeichnete. Ungleichheiten wurden nicht nur auf Geschlecht, sondern ebenso auf Klasse und ethnische Zugehörigkeit bezogen und sollten dabei genauso beseitigt werden wie Armut und Gewalt. Institutionen sollten sich öffnen für partizipative, demokratische Prozesse und Grundbedürfnisse in Grundrechte verwandelt werden. Als die Weltbankexpertin Caroline Moser den Begriff Empowerment Anfang der 1990er im Rahmen von Gender and Development salonfähig machte, blieb die grundlegende Kritik an Machtfragen jedoch ausgespart. Empowerment wurde reduziert auf feministische Bewusstseinsbildung (im westlichen Sinn) sowie die Einbeziehung von Frauen als Zuverdienerinnen in existierende ökonomische Bedingungen. Auffallend ist weiterhin, dass bei der aktuellen Planung entwicklungspolitischer Vorhaben mehr und mehr die besondere Zuständigkeit von Frauen im globalen Süden für Nahrungsbeschaffung und Verantwortlichkeit für Familie, Haushalt und Gemeinschaft integriert wird. Ländliche Frauen im globalen Süden gelten als besonders arbeitsam und verlässlich. Wenn Entwicklungsprojekte jedoch an diesen geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen ansetzen, vertieft sich allzu oft die Ausbeutung von benachteiligten Frauen. Dies haben Studien zur Wirksamkeit von Mikrokrediten an Frauen exemplarisch gezeigt (Batliwala/Dhanraj 2006, Wichterich 2012). Obwohl meistens als befreiendes Instrument für die Stärkung von Frauen gefeiert, verdeutlicht auch hier ein genauerer Blick, dass die Verfügungsmacht über Kredite und Einnahmen größtenteils bei männlichen Verwandten liegt. Zudem sind die Zinsen oft so hoch, dass die Frauen mehr arbeiten müssen und darüber hinaus kaum mehr Zeit für politische Aktivitäten (hinsichtlich z.B. Kinderbetreuung, Zugang zu sauberem Wasser und Energie) haben, weil sie mit Buchhaltungsaufgaben beschäftigt sind. Hier sind feministische Ansätze angehalten, diese Vereinnahmung von frauenpolitischen Ansätzen in einem neoliberalen (Entwicklungs-)Kontext kritisch zu analysieren. Zugleich müssen neue Formen des Widerstands gegen die finanzmarktdominierte Globalisierung hin zu einer demokratischen lokalen Entwicklung entworfen und erprobt werden.

Welche Verbindungen und Spannungsverhältnisse existieren zwischen einer nachhaltigen naturverbundenen Lebensweise von Adivasis und westlicher Wachstumskritik?
Anknüpfend an die Idee von 'Halbinseln im Strom' (Habermann 2009), also sozialen Räumen, die an kapitalistische Ökonomien angedockt sind, jedoch auch alternative Praktiken ermöglichen, schlägt Habermann vor, nach Anknüpfungspunkten zu suchen, wo sich ein anderer Umgang mit Umwelt und Menschen andeutet. Es geht dabei um eine konkrete Utopie, in dem Sinne, dass es einen ganzheitlichen und ressourcenschonenden Umgang mit Natur und Umwelt gibt. Zu fragen wäre auch, ob ein Leben in und mit Natur - wie Adivasi-Frauen es praktizieren - mit jüngeren wachstumskritischen Bewegungen aus dem globalen Norden wie degrowth zusammen zu bringen ist. Detaillierter zu untersuchen gilt darüber hinaus, welche verschiedenen Ziele indigene Gruppen und vor allem indigene Frauen verfolgen. Möchten sie zumindest minimale Rechte auf Infrastruktur wie Straßen, Wasser, Sanitäranlagen, Energie haben und/oder gleichzeitig ihr Leben in der jetzigen Form weiterführen? Gibt es auch innerhalb der politischen Bewegungen indigener (Frauen-)Gruppen, Stimmen, die sagen: es reicht, es ist genug, wir möchten den konsumorientierten Lebensstil des Westens nicht aufgezwungen bekommen? Wo gibt es Ähnlichkeiten aber auch Unterschiede in der politischen Analyse, der Beurteilung und den gegenwärtigen Protesten im globalen Süden und Norden? Und können globalisierungskritische Bewegungen sowie die neuen Aktionen gegen die Vielfachkrise, die Austeritätspolitik und Finanzialisierung von den Überlegungen, Modellen und oppositionellen Organisationsformen indigener Frauen aus Indien lernen?

Wie sehen Ihre Pläne für die weitere Arbeit aus?
Angesichts der postkolonialen Kritik an einem Feminismus, der Frauen im globalen Süden als Opfer und zu Beschützende konstruiert hat, stellt sich die Frage, wie die Lebensbedingungen, die politische Analyse und Handlungsfähigkeit von indigenen Frauen in Indien zu erforschen ist. Hier erscheint es sinnvoll, in Kooperation mit lokalen Graswurzelbewegungen die Lebensbedingungen, das Wissen und die politischen Ziele von Adivasi-Frauen durch partizipatorische Forschungsansätze (u.a. teilnehmende Beobachtung, Gruppen- und Einzelinterviews, transcripts) zu erkunden. Für eine potentielle Zusammenarbeit bieten sich insbesondere feministische Netzwerke an (wie bspw. Anthra oder die Gender Working Group von Indigenous People's Biocultural Climate Change Adaption Assesment/beide in Hyderabad, Andhra Pradesh). Sie entwickeln gemeinsam mit indigenen Gemeinschaften Plattformen, die Adivasis befähigen, ihr Wissen zu nutzen, um die Auswirkungen von Klimawandel auf ihre Lebensgrundlagen, Kultur sowie Ökosystem einzuschätzen. Aktuell bin ich gerade dabei, Kontakt zu einer theoretisch inspirierten Aktivistin des Netzwerks Anthra in Hyderabad herzustellen. Gleichzeitig werde ich an dem Antrag auf Finanzierung meines Forschungsprojekts weiterarbeiten. 


Dr. Friederike Habermann ist freie Wissenschaftlerin und war im Rahmen des Netzwerks Peoples´ Global Action an der Entstehung der Globalisierungsbewegung beteiligt. Hierüber sowie in mehreren Reisen nach Indien hat sie Kontakte zu dortigen indigenen Bewegungen aufgebaut.


Zum Weiterlesen
Agarwal, Bina (1992): The Gender and Environment Debate: Lessons from India. In: Feminist Studies 18 (1), 119-158.

Batliwala, Srilatha/Dhanraj, Deepa (2006): Gender-Mythen, die Frauen instrumentalisieren. In: Peripherie 26 (3), 373-384.

Habermann, Friederike (2009): Halbinseln gegen den Strom: Anders leben und wirtschaften im Alltag. Sulzbach/Ts: Ulrike Helmer Verlag.

Ramdas, Sagari (2009): Women, Forestspaces and the Law: Transgressing the Boundaries. In: Economic and Political Weekly 44 (44), 65-73.

Shiva, Vandana (2004): Geraubte Erde. Biodiversität und Ernährungspolitik. Zürich: Rotpunkt.

Spivak, Gayatri C. (2000): The New Subaltern: A Silent Interview. In: Vinayak Chaturvedi (Hg.): Mapping Subaltern Studies and the Postcolonial. London/New York: Verso, 324-340.

Wichterich, Christa (2012): Mikrokredite und die Entdeckung der Frauen. In: LuXemburg 4/2012, 28-36. http://www.zeitschrift-luxemburg.de/mikrokredite-und-die-entdeckung-der-frauen/, 11.7.2014.