Das Wuppteral Institut zu Gast in Jena
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Das Wuppteral Institut zu Gast in Jena

Das Wuppertal Institut für Klima, Energie, Umwelt (WI) und das Kolleg Postwachstumsgesellschaften verbindet die Kritik an den Wachstums- und Steigerungszwängen marktwirtschaftlich organisierter bzw. kapitalistischer Gesellschaften, die immer deutlicher als Treiber sowohl sozialer als auch ökologischer Probleme und Krisen erkennbar werden. Ausgehend von dieser Kritik formulieren beide Einrichtungen ein ähnliches (Forschungs-)Interesse: die Suche nach Alternativen und Veränderungsmöglichkeiten hin zu einer Gesellschaft, deren Stabilität nicht von diesen Wachstumszwängen abhängt. So lag es also auf der Hand, gemeinsam Möglichkeiten der Zusammenarbeit auszuloten. Daher trafen sich am 4. und 5. März etwa 15 MitarbeiterInnen und Fellows des Kollegs mit ebenso vielen MitarbeiterInnen des Wuppertal Instituts zum gemeinsamen Gedankenaustausch. Mit dabei waren neben den Direktoren des Kollegs und dem WI-Präsidenten Uwe Schneidewind auch Angelika Zahrnt, Ehrenvorsitzende des BUND, und die Kolleg-Fellows Adelheid Biesecker, Birgit Mahnkopf, Elisabeth von Thadden und Rahel Jaeggi. 

Als Ausgangspunkt der gemeinsamen Debatte war der am WI häufig verwendete Begriff der Suffizienz gewählt worden. Anhand der gemeinsamen Diskussion zu 'Suffizienz' sollte ein gegenseitiger Eindruck von den Themenschwerpunkten und Forschungsansätzen gewonnen und konkrete Ideen zu einer möglichen Zusammenarbeit entwickelt werden.

Einleitend räumte Uwe Schneidewind ein, dass es der bisherigen Verwendung des Begriffs 'Suffizienz' in den Arbeiten des WI noch an Systematik fehlt und daher noch nicht von einem ausgearbeiteten, einheitlichen "Suffizienzkonzept" gesprochen werden kann. Es ist auch nicht das Ziel des WI, ein solches einheitliches Konzept zu entwickeln, der Begriff dient stattdessen eher als eine Art 'roter Faden' für Analyseansätze ganz unterschiedlicher Ausrichtung. Daher verteilen sich die bisherigen Bezugspunkte von Suffizienzstrategien auf verschiedene gesellschaftliche Ebenen, vom Individuum über die kommunale Ebene der Stadtentwicklung bis hin zur Konzernebene und der Makroebene politischer Rahmengestaltung. Suffizienz hat quer zu diesen Ebenen zwar einen gemeinsamen Nenner (weniger, anders, langsamer, besser), wird jenseits davon jedoch ganz unterschiedlich ausbuchstabiert.

Elisabeth von Thadden (Mitte) im Gespräch
Stephan Lessenich, Hartmut Rosa und Klaus Dörre merkten (mit jeweils unterschiedlichem Akzent) an, dass eine Suffizienzstrategie, um erfolgreich zu sein, auf die systemischen Strukturen, in die das individuelle Verhalten eingebettet ist, fokussieren sollte, statt sich (oft in Form eines Verzichtsappells) ausschließlich an den einzelnen Menschen zu wenden. Die tatsächliche gesellschaftliche Umsetzung einer solchen Strategie erfordert, so Stephan Lessenich, einen Systemwandel, der zugleich mit einem kulturellen Wandel einhergehen muss. Die eine Transformation kann sich in demokratischen Gesellschaften nicht ohne die andere vollziehen. 

Darüber hinaus ist es aus Jenaer Sicht unerlässlich, die Wuppertaler Perspektive mit einer expliziten Kapitalismusanalyse zu verbinden: kapitalistische Gesellschaften sind durch Steigerungsimperative - in Jena analytisch gefasst in den Konzepten von Landnahme, Beschleunigung und Aktivierung - geprägt, die einer umfassenden Umsetzung der Suffizienzstrategie jenseits von Nischen entgegenlaufen. Daher braucht es aus Lessenichs Sicht außerdem eine herrschaftssoziologische Perspektive, welche die Grenzen und Bremsen, also die im Kapitalismus als sozialem Herrschaftsverhältnis angelegten Barrieren der Transformation analysiert. Dabei wird auch deutlicher sichtbar, wie Verhaltensweisen, die auf den ersten Blick der Wachstumslogik widersprechen, kapitalistisch 'erobert' werden, sobald sie größeren gesellschaftlichen Zuspruch erfahren, wie z.B. die Idee des Maßhaltens oder der Prävention. Dadurch können Ideen von Suffizienz - meist wider Willen - systemerhaltend wirken.

Stephan Lessenich, Hartmut Rosa, Uwe Schneidewind (v.l.n.r.)

Hartmut Rosa hob als interessanten Aspekt der Suffizienzstrategie hervor, dass diese - anders als Effizienz - ihrer Logik nach den Steigerungsimperativen kapitalistischen Wachstums entgegengesetzt sei und damit einen im positiven Sinne systemwidrigen Ansatz darstelle. Dies ist auch deshalb wichtig, weil eine primär effizienzorientierte Postwachstumsstrategie wegen der grundsätzlich mit ihr verbundenen Rebound-Effekte nicht zu entscheidend weniger Ressourcenverbrauch führt (genaueres dazu erläutert ein interessanter Artikel auf ZEIT Online) Das begriffliche Problem, das sich aus einem positiven Bezug auf Suffizienz ergibt, ist für Rosa aber, dass eine moderne Gesellschaft ihrer eigenen Definition nach ihre Stabilität auf die Steigerung und Erweiterung von Handlungspotentialen stütze (dynamische Stabilisierung), eine suffiziente Gesellschaft daher eigentlich nicht mehr angemessen als "moderne Gesellschaft" bezeichnet werden könne. Suffizienz könne hier als ein Lähmungskonzept missverstanden werden.

Klaus Dörre problematisierte den Aspekt, dass das Suffizienzkonzept in seiner bisherigen Ausformulierung vor allem am Konsum ansetzt und so zwar alternative Lebensstile inspirieren kann, dabei aber das hegemoniale Paradigma des 'immer mehr' nicht infrage stellt. So wird aus seiner Sicht weder beleuchtet, dass Konsum in einer Gesellschaft umso wichtiger wird, je ungleicher Einkommen verteilt ist, noch inwiefern andere, sinnstiftende Möglichkeiten von Arbeit als gesellschaftlich legitime Alternative zugelassen werden können und einen Wechsel weg von der Konsum- hin zu einer sinnvollen Tätigkeitsperspektive ermöglicht werden kann. Die Forderung nach Suffizienz taugt daher nicht als Ersatz für eine fundamentale Kritik des Kapitalismus als Herrschafts- und Eigentumsordnung. In letzter Instanz kommt man nicht umhin, sich auch diese 'alten' Fragen erneut zu stellen. 

Stephan Lessenich, Klaus Dörre, Uwe Schneidewind (v.l.n.r.)

Nach dieser ersten Diskussionsrunde wurden in einer zweiten Phase fünf konkrete Projekte der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Wuppertal-Instituts im World-Cafe-Format diskutiert. Der abschließende Austausch beleuchtete noch einmal Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsweisen und Forschungsansätzen der beiden Einrichtungen, gemeinsame Projekte wurden besprochen und eine Reihe von Ideen für die künftige Zusammenarbeit gesammelt.

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    Adelheid Biesecker und Uta von Winterfeld
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    Kennenlernen beim Abendessen, Adelheid Biesecker
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    Gespräche vor dem gemeinsamen Abendessen, rechts Birgit Mahnkopf
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    Hartmut Rosa (Mitte) im Gespräch
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    Angelika Zahrnt (Mitte) beim World Cafe
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    Stephan Lessenich, Hartmut Rosa, Uwe Schneidewind (v.l.n.r.)
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    Benjamin Best (Mitte) diskutiert sein Projekt
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    Elisabeth von Thadden (Mitte) im Gespräch
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    Stephan Lessenich, Klaus Dörre, Uwe Schneidewind (v.l.n.r.)
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    Angelika Zahrnt und Hans-Jochen Luhmann im Gespräch
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    Rahel Jaeggi (2.v.l.) und Birgit Mahnkopf (r.) beim World Cafe
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    Diskussion der Projekte des WI
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    Arbeitsergebnisse
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    gemeinsames Mittagessen in der Sonne