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China: Grenzen des Wachstums nicht in Sicht? Workshop über wirtschaftliche Entwicklung im Perlflussdelta und 'Asian Capitalism'

Am 4./5. Oktober 2012 trafen sich am Kolleg 'Postwachstumsgesellschaften' chinesische WissenschaftlerInnen von der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou mit einigen deutschen China-ExpertInnen, um zu diskutieren, wie ein Umbau des chinesischen Wirtschaftsmodells weg von billiger Arbeit und extensiver Ressourcennutzung hin zu einem stärkeren Fokus auf technologische Entwicklung und Produktion für den Binnenmarkt möglich ist. Dass dies trotz eines durchschnittlichen BIP-Wachstums von über 10% in den letzten fünf Jahren nötig ist, darin sind sich KommentatorInnen und chinesische Regierung einig. Wie genau der Umbau des Wachstumsmodells aussehen kann, welche Erfolge dabei bisher erreicht wurden und wie die chinesische Entwicklung theoretisch einzuordnen ist, waren zentrale Fragen des Workshops.


Haixiong Qiu, stellvertretender Direktor des Instituts für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung des Perlflussdeltas, stellte zunächst eine breit angelegte empirische Studie über industriellen Wandel im Perlflussdelta vor. Die Auswertung dieser Unternehmensbefragung belegt die starke Tendenz zu Strategien, die auf industrieller Aufwertung, z.B. durch den Aufbau eigenständiger Innovationskapazitäten oder chinesischer Markenunternehmen, beruhen. Die Studie belegt allerdings auch, dass die Tage des alten Wachstumsmodells noch lange nicht gezählt sind, denn auch die klassischen, eher technologiearmen Auftragsproduzenten verzeichneten weiterhin Umsatzzuwächse. Anders als oft in den Medien dargestellt, spielen auch Unternehmensverlagerungen in Regionen mit billigeren Produktionskosten eine eher untergeordnete Rolle.
Die Studie thematisiert auch die Motivationen für vermehrten Technologieeinsatz. Über ein Drittel der Unternehmen nannten Kostensenkung als den wichtigsten Grund, noch vor den Zielen erhöhter Innovationsfähigkeit und einem zunehmenden Fokus auf Marketing. Florian Butollo (Frankfurt/M.) sah hierin einen wesentlichen Grund dafür, dass der Strukturwandel bisher kaum zu Verbesserungen für die Beschäftigten führte. Anhand von Ergebnissen eigener empirischer Studien verdeutlichte er, dass sich industrielle Aufwertung oft auf Veränderungen im F&E-Bereich und im Marketing beschränkten oder schlicht Automatisierungsinnovationen seien, durch die kaum veränderte Anforderungen an ProduktionsarbeiterInnen entstünden. Wie Wolfgang Müller (IG Metall Bezirk Bayern) in seinem Beitrag über den staatlichen Gewerkschaftsbund ACGB argumentierte, müssten Strategien der industriellen Aufwertung daher thematisieren, wie die soziale Situation der Beschäftigten verbessert werden könne, wobei der ACGB eine wichtige Rolle spiele. Doch dessen nominelle Stärke sei nicht durch eine entsprechende Praxis der Interessenvertretung gedeckt. Doch scheinen die Dinge in Guangdong diesbezüglich in Bewegung gekommen zu sein. Wie Gaochao He, Direktor des Instituts für Politikwissenschaft an der Sun Yat-Sen Universität, erläuterte, gibt es im Gefolge einer Streikwelle 2010 neue Ansätze zu einer effektiveren Interessenvertretung in Kollektivverhandlungen - auch weil der ACGB diesbezüglich unter einem erheblichen Druck der Beschäftigten stehe.
Eine fruchtbare Diskussion über die ökologischen Grenzen des Wachstums entspann sich nach dem Vortrag von Philipp Schepelmann vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie, der am Beispiel des Strukturwandels im Ruhrgebiet die Chancen einer auf Umweltverträglichkeit setzenden Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik erläuterte. Anschließend wurde die Frage aufgeworfen, in wie weit solche Erfolge im Nachhaltigkeitsmanagement Europas nicht auch ein Ergebnis von Produktionsverlagerungen nach China seien. Strategien eines ökologischen Umbaus, so die Schlussfolgerung, müssten daher im selben Maß die Existenz globaler Produktionsnetzwerke in den Blick nehmen, wie dies der Fall ist, wenn es um Arbeitsbedingungen geht.


Am zweiten Tag des Workshops wurde unter dem Stichwort "Asian Capitalism" eine theoretische Verortung des chinesischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells versucht. Tobias ten Brink (Frankfurt/M.), Stefan Schmalz (Jena) und Wei Zhao (St. Etienne/Guangzhou) waren sich dabei einig, dass dieses nur als eine besondere Spielart des Kapitalismus angemessen verstanden werden kann. Ten Brink und Zhao arbeiteten dabei die entscheidende Rolle des Staates für die Kapitalakkumulation heraus, der einerseits umfassend auf den Akkumulationsprozess einwirken kann, dabei andererseits aber auch in hohem Maße seinen Zwängen unterworfen ist. Diese Erkenntnis führte zurück auf die Frage der Umstellung des Wachstumsmodells, die von Schmalz, ten Brink und Boy Lüthje (Frankfurt/M.) eingehend analysiert wurde. Hierbei gibt es durchaus Spielräume und Chancen - Schmalz veranschlagte ein Zeitfenster von 10 bis 15 Jahren für einen erfolgreichen Umbau. Allerdings ist die chinesische Ökonomie in ihren Unternehmensstrategien, ihrer Struktur und ihren Institutionen auch stark von der gegenwärtigen Form der Weltmarktintegration geprägt, was ihre Wandlungsfähigkeit einer Reihe von Einschränkungen unterwirft. Wie Lüthje ausführte, ist das Kardinalproblem hierbei die soziale Spaltung, die in den letzten Jahren stark zugenommen hat - ein Ausdruck der gängigen Produktionsregimes in chinesischen Industriebranchen, die von der Diskriminierung ländlicher Arbeiter, Lohnsystemen mit niedrigen Basisgehältern und einem Mangel an effektiver Interessenvertretung geprägt sind. In dieser Frage konfligiert das makroökonomische Interesse an binnenmarktzentriertem Wachstum mit jenen Interessen, die mit dem alten Wachstumsmodell verbunden sind. Der Umbau der "harmonischen Gesellschaft" dürfte insofern von erheblichen Konflikten geprägt sein.
Man darf gespannt sein, wie sich sowohl die weitere Entwicklung des chinesischen Wachstumsmodells selbst als auch die Formierung von Protestbewegungen gegen die verschiedenen Dimensionen der Folgen des Wachstums unter der jüngst gekürten neuen Führungsgeneration in Beijing weiter gestalten werden.


Florian Butollo und Dennis Eversberg, 21.11.2012
Bericht als PDF-Version

Ein Artikel von Florian Butollo, der den Prozess der industiellen und sozialen Aufwertung näher beleuchtet, mit dem Titel 'Moving Beyond Cheap Labour? Industrial and Social Upgrading in the Garment and LED Industries of the Pearl River Delta' wurde im Journal of Current Chinese Affairs veröffentlicht und kann hier gelesen werden.