Readspeaker Menü

Dr. Hanno Pahl wirbt gemeinsam mit Prof. Rudolf Stichweh erfolgreich ein Projekt beim Schweizerischen Nationalfonds ein.


Unser Mitarbeiter Dr. Hanno Pahl hat beim Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gemeinsam mit Prof. Rudolf Stichweh (Luzern und Bonn) erfolgreich ein Forschungsprojekt eingeworben und ist aus diesem Grund zum 1. Juli 2012 an die Universität Luzern gewechselt. Im geförderten Projekt "Strukturveränderungen von Zentrum und Peripherie in den Wirtschaftswissenschaften, 1970-2010. Ein wissenschaftssoziologischer Beitrag" geht es um die Erforschung gegenwärtiger Wissenskulturen in den Wirtschaftswissenschaften (siehe auch den Eintrag unter http://p3.snf.ch/Project-140321). Hanno Pahl wird sich weiterhin als assoziiertes Mitglied in die Diskussionen und Forschungen des Kollegs Postwachstumsgesellschaften einbringen.

Kurzbeschreibung des Projektes

Im Verlauf der gegenwärtigen Weltwirtschaftskrise entstand in breiten Teilen der kritischen Öffentlichkeit - abzulesen vor allem an der Berichterstattung in überregionalen Tageszeitungen und Wochenmagazinen - ein reges Interesse an wirtschaftswissenschaftlichem Wissen. Es wurde, oftmals unter Beteiligung von Fachvertretern, kontrovers über ein etwaiges Versagen gegenüber oder gar einer Mitschuld der Wirtschaftswissenschaftler an den ökonomischen Verwerfungen debattiert. Zugleich hat sich gezeigt, wie schwierig es ist, Leistungen und Grenzen einer hochgradig formalisierten und mathematisierten akademischen Disziplin wie der Wirtschaftswissenschaft einer breiten und heterogen zusammengesetzten Leserschaft zu vermitteln bzw. mit dieser diskursiv zu verhandeln.

Das Projekt soll einen Beitrag leisten, diese "Black Box" auszuleuchten, indem es Kernaspekte der Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften von den 1970er Jahren bis heute aus einer wissenschaftssoziologischen Warte analysiert. Hier ist von besonderem Interesse, ob die auf der Kritikerseite dominante Charakterisierung der Disziplin als tendenziell monoparadigmatische, sogenannte "neoklassische Wirtschaftswissenschaft", die Situation der Gegenwart noch adäquat abzubilden in der Lage ist. Diese Kennzeichnung, die das Fach durch eine interne Differenzierung in ein kognitiv und institutionell hegemoniales neoklassisches Lager ("Zentrum") und eine Mehrzahl in Forschung und Lehre nur prekär vertretener heterodoxer Schulen ("Peripherie") strukturiert sieht, ist im Gefolge der Nachkriegsprosperität und der zeitgleichen Wahrnehmung der Wirtschaftswissenschaften als Queen of the Social Sciences (Paul Samuelson) entstanden - und hatte damals vermutlich ihr volles Recht. Es mehren sich aber Befunde, wonach diese Beschreibung als unterkomplex einzuschätzen ist, weil sich das vormalige Zentrum selbst seit den 1970er Jahren stark ausdifferenziert hat und zahlreiche Spielarten ökonomischer Forschung hervorgebracht hat, die mit zuvor sakrosankten neoklassischen Basalprämissen brechen (etwa mit den Annahmen rationaler Akteure oder eines zum Gleichgewicht tendierenden Gesamtsystems).

Für die amerikanische Forschungslandschaft wurden diese Prozesse von dem Ökonomen und Dogmenhistoriker David Colander empirisch untersucht und unter dem Schlagwort eines Changing Face of Mainstream Economics rubriziert, ein Thesenkorpus, den das Projekt für den deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich, Deutschschweiz) überprüfen wird. Mittels der Methoden der Diskursanalyse wirtschaftswissenschaftlicher Texte sowie durch Experteninterviews mit Fachvertretern verschiedener Strömungen möchten wir ein realistisches Bild der Wirtschaftswissenschaften zeichnen, das an die Stelle tradierter Pauschaldiagnosen treten soll. Dies beinhaltet auch, die Wirtschaftswissenschaft analytisch nicht als Kompakteinheit zu adressieren, sondern auch Fragen nach dem Verhältnis von "Forschungsfronten" (also dem jeweils avanciertesten Wissen) und universitärer Ausbildung  sowie Wandlungen auf den Feldern wirtschaftswissenschaftlicher Expertise und Politikberatung nachzugehen.