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Forschungsstrategie und Forschungsfragen 2013-2015

Die Grundidee

Hartmut Rosa

Eine Grundüberzeugung des Postwachstumskollegs besteht darin, dass die Überwindung der Steigerungszwänge moderner, kapitalistischer Gesellschaften einer komplexen, simultanen und mehrdimensionalen Transformation (oder Revolution) bedarf, die konkrete ökonomische, politische und kulturelle Veränderungen zugleich bedeutet. Eine der wesentlichen Aufgaben des Kollegs besteht darin, so genau wie möglich zu identifizieren, was genau sich ändern müsste, um die 'blindlaufenden' ökonomischen, politischen und kulturellen systemischen Steigerungsimperative außer Kraft zu setzen. Das setzt jedoch voraus, dass die jeweiligen Steigerungszwänge und -mechanismen sowie deren jeweilige institutionelle Verankerungen genau erfasst sind. Außerdem soll das Kolleg Perspektiven dafür eröffnen, wie die Steigerungszwänge jeweils überwunden werden könnten. In der zweiten Ar-beitsphase des Kollegs (Oktober 2013 - September 2015) steht dabei die kulturelle (d.h. auf die Sinnebene, die Lebensführung und die Perspektiven der Subjekte bezogene) Dimension im Mittelpunkt, für die Hartmut Rosa als Protagonist hauptverantwortlich zeichnet.

Den Ausgangspunkt der für diesen Zeitraum geplanten Forschungstätigkeiten bildet hier die Einsicht, dass die expliziten und mehr noch die impliziten Definitionen des Glücks, des Wohlergehens und des guten Lebens in westlich-modernen Gesellschaften wachstums- und steigerungsbasiert sind, dass also (Lebens-, aber auch politische) Qualität stets an Zuwachsraten gemessen wird. Dies führt insbesondere in der Spätmoderne zu immer größeren Optimierungszwängen. Demgegenüber versucht das Kolleg eine andere Bestimmung von Lebensqualität zu finden, die 'negativ' durch die Beseitigung und Vermeidung von Entfremdungskontexten und 'positiv' durch die Etablierung und Sicherung von Resonanzräumen und -erfahrungen charakterisiert ist.

Die zu lösenden Hauptaufgaben der Kollegforschung in den kommenden zwei Jahren wird es also sein, die Begriffe der Resonanz und der Entfremdung genauer zu bestimmen und so weit wie möglich auch empirisch greifbar zu machen. Außerdem soll geprüft werden, inwieweit diese Begriffe zur Definition eines neuen Maßstabs von Lebensqualität geeignet sind bzw. durch welche Elemente sie zu ergänzen wären. Darüber hinaus soll analysiert werden, welche ökonomischen und politischen Implikationen und 'Wechselwirkungen' mit anderen Forschungsfeldern sich daraus ergeben. Nicht zuletzt ist zu diskutieren, an welche Akteure und soziale Bewegungen eine solche kulturelle Veränderung anschlussfähig wäre.

Forschungsfragen und Vorgehen

Als Leitfragen für das Forschungsfeld 'Beschleunigung' sind im Antrag an die DFG zur Einrichtung des Kollegs folgende Fragen definiert: "Lassen sich systemische Wachstumsimperative und soziales Wohlergehen voneinander entkoppeln? Kann Nicht-Wachstum mit einem Zugewinn an Lebensqualität für gesellschaftliche Mehrheiten einhergehen?"
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, soll analysiert werden, auf welche Weise sich die Steigerungslogik von Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung auf das kulturelle Weltverhältnis bzw. die Weltbeziehung der Menschen auswirkt. Als grundlegend neues Element soll nach den Quellen, Formen und Folgen von Störungen dieser Weltbeziehung gefragt werden.

Einen zentralen Ansatzpunkt dafür bildet das Konzept der Entfremdung. Entfremdung soll dabei als Störung in der Aneignung von Dingen, Tätigkeiten und Menschen und in der Beziehung zu Raum, Zeit, Gesellschaft und zum eigenen Körper begriffen werden. Damit ein solcher Begriff von Entfremdung auch empirisch fruchtbar wird, muss außerdem ein positives Gegenkonzept entwickelt werden, das eine gelingende (sprich: nicht-entfremdete) Weltbeziehung beschreibt. Hauptanliegen der zwei Forschungsjahre ist es, dafür den Begriff der Resonanzbeziehung zu entwickeln und zu etablieren. Ausgangspunkt hierfür ist die Vermutung, dass Menschen ihre Welt, ihr Leben, ihr Handeln oder ihre sozialen Beziehungen immer dann als gelingend oder erfüllend erfahren, wenn sie Resonanzerfahrungen machen. In solchen Erfahrungen versuchen sie, sich eines Einklangs mit sich und 'der Welt' (soziale Beziehungen, Dinge, Natur, eigener Körper, Gefühle) zu vergewissern. Die geplante Weiterentwicklung der Begriffe 'Entfremdung' und 'Resonanz' soll ermöglichen, die in der Moderne seit der Aufklärung grundlegende Fortschrittshoffnung von den modernen Dynamisierungsprinzipien zu trennen, so dass die Förderung des menschlichen Wohlergehens als Politik- und Gestaltungsziel nicht nur erhalten bleibt, sondern potentiell gerade gegen die systemischen und kapitalistischen Steigerungsimperative in Anschlag gebracht, zumindest aber problematisiert werden kann.

Hier zeigt sich eine erste große Herausforderung der nächsten zwei Forschungsjahre: der Versuch, die Begriffe Resonanz und Entfremdung positiv zu bestimmen, wirft eine Vielzahl von Fragen auf, die in den kommenden Jahren diskutiert werden sollen. Darüber hinaus wird auch z.B. zu klären sein, in welchem Verhältnis der Resonanzbegriff und das Konzept der Autonomie stehen sowie die Beziehung beider zu den Steigerungsimperativen moderner Gesellschaften. Um diese Klärungen voranzutreiben, sollen zentrale Bereiche auf Fragen der Resonanzerfahrung untersucht werden: so sollen z.B. Arbeit und Familie als 'Resonanzsphären', aber auch Fragen der Demokratiekrise sowie der ökologischen Krise als 'Entfremdungskrisen' beleuchtet werden.

Dabei tritt natürlich unweigerlich die Frage auf, ob und wie diese Überlegungen empirisch unterlegt werden können. Bei genauerem Hinschauen zeigt sich, dass durchaus verschiedenes Datenmaterial existiert, aber auch, dass weiterer Forschungsbedarf besteht: Z.B. stellt sich die Frage, ob es einen Zusammenhang zwischen Zeitnot/Stress und Lebenszufriedenheit gibt. Wenn es einen Zusammenhang gibt, wäre zu fragen, ob und wie sich dieser verändert, wenn man auch den Grad der Gleichheit/Ungleichheit einer Gesellschaft mit in Betracht zieht? Eine andere Frage, die in diesem Zusammenhang naheliegt, ist, ob Burnout-Erkrankungen reine Überlastungskrankheiten (durch zu viel Arbeit) sind oder welche Rolle der Mangel an bzw. das Verunmöglichen von Resonanzerfahrungen (z.B. im Job) spielt. Darüber hinaus soll untersucht werden, welche (bewussten und unbewussten) Strategien Menschen verfolgen, um Resonanzerfahrungen zu suchen (das Schaffen von 'Oasen' , z.B: Schrebergarten, Chor, Fußballstadion, Rave, Snowboarden…) und Entfremdungskontexte zu vermeiden. Diese Frage lässt sich eher mit qualitativen als mit standardisierten Daten verfolgen.

Sowohl auf der theoretischen als auch auf der empirischen Seite zeigen sich eine Vielzahl von Thesen und offenen Fragen, deren intensive Diskussion und Auseinandersetzung Mittelpunkt der zwei Forschungsjahre sein soll. Neben Hartmut Rosa als Protagonist wird Klaus Dörre wird in diesen Jahren als Antagonist fungieren und aus der Perspektive des Landnahmetheorems Kritik formulieren.

Wie bisher wollen wir die Thesen und Fragen gemeinsam mit GastwissenschaftlerInnen diskutieren. Eine Reihe von Fellows, die bereits in der Vergangenheit für Diskussionen am Kolleg waren, werden diesen Prozess hoffentlich weiter begleiten: so wäre Rahel Jaeggi eine wichtige Gesprächspartnerin zur weiteren Ausarbeitung des Entfremdungsbegriffes und des Verhältnisses Resonanz/Autonomie. Auch Christoph Deutschmanns Idee der geldvermittelten Weltbeziehung ist ein spannender Einwurf und bietet Punkte zur weiteren Diskussion. Elisabeth von Thadden arbeitet am Resonanzkonzept und wird dazu weiter mit Hartmut Rosa im Austausch bleiben. Darüber hinaus sollen weitere Gäste für einen Aufenthalt am Kolleg gewonnen werden.


Veranstaltungen: erste Planungen und Ideen

In der ersten Planung ist bereits eine große, viertägige internationale Konferenz mit dem Arbeitstitel: "The Good Life Beyond Growth - From Eudaimonia to Buen Vivir: Philosophical Conceptions, Social Practices and Political Claims". Gemeinsam mit PhilosophInnen, SoziologInnen, ÖkonomInnen und PsychologInnen, wollen wir Ideen des 'Guten Lebens' (auch historisch und empirisch) diskutieren und darüber hinaus auch einen Blick auf soziale Bewegungen und Praktiken werfen, die sich diesen Fragstellungen widmen.

Außerdem soll auf jeden Fall ein Workshop zum Resonanzbegriff veranstaltet werden, wo der Begriff und die mit ihm verbundenen theoretischen und empirischen Herausforderungen im kleinen Kreis gründlich diskutiert werden sollen.